Donnerstag, 1. Dezember 2016

SIE ist wieder da!

Eine brandneue Folge aus dem SIE-Universum ist erschienen:


20 Meilen unter dem Roten Meer

Die Schraube hatte SIE schon lange locker!



Urielle schreibt an einem neuen Meisterwerk, SIE hat eine Schraube locker, Michaela muss die Welten retten, Gabi kann endlich mal mit echten Walen reden, Mosi ist stinksauer und Nemo hat keine Ahnung von gutem Essen. Halleluja.


20 Meilen unter dem Roten Meer

Die Schraube hatte SIE schon lange locker!


Michaela gießt sich den Rest des nur noch lauwarmen Tees ein und lässt sich auf einen der Küchenstühle plumpsen. Sie stöhnt. Die Nacht war die Hölle. Ihre Augenringe sehen auch aus wie die Vulkankrater, die frau auf dem Weg zum Höllenpfuhl passieren muss. 

Urielle sitzt auf dem kleinen Sofa und liest.

Michaela stöhnt etwas lauter, trinkt einen Schluck Tee, stöhnt noch einmal.

Urielle schiebt sich die Brille hoch und liest.

Michaela stöhnt.

Urielle liest.

In Michaelas Vulkankratern beginnt die Lava bedrohlich zu blubbern. Mitgefühl ist für manche Personen offenbar ein Fremdwort. Sie stöhnt mit vollem Körpereinsatz und setzt nach kurzem Nachdenken noch ein leicht asthmatisch klingendes Husten drauf. 

Urielle liest. Sie sieht verzückt dabei aus und irgendwie so, als befände sie sich gerade auf der Astralebene, umgeben von tanzenden Einhörnern.

Michaela trinkt ihren Tee aus, verschränkt die Arme vor der Brust und … STÖHNT. Aus ihren Augenwinkeln entweichen Gase, der Fußboden vibriert, im Smithsonian Institut werden gewaltige seismische Aktivitäten unbekannter Herkunft gemessen, irgendwo stirbt eine noch nicht entdeckte Tierart aus.

Urielle liest.

Michaela seufzt und setzt frisches Teewasser auf. Das Leben ist eine endlose Schleife aus Aufopferung und Arbeit. Aufopferung und Arbeit. Und niemals Dank. Niemals Anerkennung der Leistungen, die sie tagtäglich und auch nachts erbringt. Niemals Mitgefühl. Vielleicht sollte sie alles hinschmeißen und Luzi um einen Job bitten. 

Sie nimmt zwei Teebeutel aus der Dose und pfeffert sie in die Kanne. 

Urielle sagt: »Könntest du bitte etwas leiser sein? Ich versuche zu lesen.«

Die Nerven in Michaelas rechtem Auge beginnen unkontrolliert zu zucken. »Weißt du«, sagt sie, ohne sich umzudrehen, »wenn du nur einmal fragen würdest, wie es mir geht, wäre das eine wirklich richtig tolle Sache. Ich hatte eine furchtbare Nacht.«

Urielle sagt: »Hmhm.«

Jetzt dreht sich Michaela doch um. Sie starrt Urielle an.

Urielle starrt auf die Buchseiten. Liest. 

Michaelas zuckende, brodelnde Lavamasse wird von einem kalten Strom aus Verzweiflung gelöscht. Zurück bleibt Resignation. Diese immerhin verursacht keine Falten.


Ende der Leseprobe


Die nächste Folge ist bereits in Arbeit, weitere sind in Planung.

In Folge IV nimmt Urielle sich vor, eine IHRER Auftragsarbeiten mit ihrem schreiberischen Genie in Einklang zu bringen und kreiert einen apokalyptischen Bestseller, Michaela enteckt die Freuden des Tele-Shoppings, Gabi interessiert sich plötzlich für Elfen und Luzi zickt rum.

In Folge V bekommen wir es möglicherweise mit Zombies zu tun ...


Storys aus dem SIE-Universum. Respektlos, witzig, weiblich, schräg.


Überall, wo es eBooks gibt.

Montag, 14. November 2016

Guy Lacroix zum Sonderpreis – Und wie geht’s eigentlich weiter?

Guy Lacroix aus dem Clockwork Cologne-Universum löst seine Fälle jetzt nicht mehr exklusiv bei Amazon, sondern überall, wo es eBooks gibt. (Zum Beispiel bei ThaliaWeltbild und Hugendubel.)
Aus diesem Anlass ist Teil 1 der Fortsetzungsreihe um den ruppigen Kommissär bis zum Jahresende in allen Shops zum Sonderpreis von 1,99 € erhältlich.
Ein kleines Update für alle Fans der Reihe:
Guy ermittelt bereits in seinem dritten Fall. 😉 Haruki Kimura und M drehen auch kräftig an dem ein oder anderen Zahnrad und Martha Kühn hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geheimnisse um die mathemagisch veränderten Kinder an der vermeintlichen Quelle des Übels zu erforschen: In Abteilung D, mitten im düsteren Herzen der Dampfmagischen Gesellschaft. Wenn sie sich damit mal nicht übernommen hat …
Absolon Quast verfolgt ganz eigene Ziele, für deren erreichen die mysteriöse Materia eine große Rolle spielt.
Und was ist eigentlich aus Felinus geworden und dem mörderischen Pfaffen?
Einige der Rätsel werden sicher in Teil 3 gelöst. Vielleicht geht das Abenteuer aber auch in eine weitere Runde …
Viele Grüße aus Cöln.
Eine steampunkige Weihnachtszeit wünschen euch Guy, Martha und alle anderen Beteiligten!
Epilog:
„Liebe Martha, meinen Sie nicht auch, es wäre an der Zeit, sich mal eine neue Handtasche zu gönnen? Die jetzige ist doch schon recht … nun ja, abgegriffen. Und bald ist ja Weihnachten …“
„Bitte? Meine liebe Frau Keil, diese Tasche hat mir stets gute Dienste geleistet und ich weiß wirklich nicht, wie Sie darauf kommen, dass sie ersetzt werden sollte?“ (Martha drückt die Tasche fest an ihre Brust.) „Und wieso kommt Ihnen der Gedanke ausgerechnet jetzt?“
„Nun, ich … vergessen Sie es einfach, das war eine dumme Idee, entschuldigen Sie.“
„Gut. Dann wäre das ja geklärt. Ich empfehle mich.“
„Ihnen auch einen schönen Abend, Frau Kühn …“ (Die Autorin seufzt, aber erst, als Frau Kühn sich außer Hörweite befindet.)

Sonntag, 6. Dezember 2015

Alle Jahre wieder ...

Wie Raphaela den Weihnachtsmann erfand. ;)

„Mittelamerikanischer Staat mit sechs Buchstaben. Der erste ist ein P. Hm.“
„Pömpel.“ Raphaela pustet auf ihre Fingernägel und schraubt umständlich den Nagellack zu, dann sieht sie Urielle an.
Urielle rückt ihre Brille gerade und legt die Feder langsam in die Schale. „Pömpel!?“
„Was denn?“
„Nichts. Gar nichts, ich hab nur keine Lust mehr. Wann musst du los?“
Raphaela sieht auf die Uhr und sagt: „Oh.“ Sie wirft den Nagellack (Höllenrot) in ihre Handtasche, richtet ihren Busen und betrachtet kritisch ihre Nägel, ohne dabei die Stirn zu runzeln (Faltengefahr). „Findest du die Farbe zu gewagt?“, fragt sie und schwenkt die Hand vor Urielles Gesicht.
Urielle lässt ihre Blicke über Raphaela gleiten. Sie trägt ein enges kurzes Kleid, dessen Farbe penibel auf den Nagellack abgestimmt ist. Rot. Aber kein Höllenrot, das Rot des Kleides ist eine Nuance dunkler. Diese stilistische Feinheit bemerkt Urielle natürlich nicht, noch wüsste sie die Genialität, die hinter solch einer feinen, aber akzentuierten Farbabstufung steckt, zu würdigen.
Raphaelas Busen sprengt fast den Ausschnitt. Urielle schiebt die Brille bis zur Nasenwurzel hoch und kneift die Augen zusammen. Ist er schon wieder größer geworden? Sie räuspert sich und sagt: „Nein, die Farbe ist nicht zu gewagt.“
Raphaela kramt in ihrer Handtasche und zieht einen Spiegel und einen Haarreif heraus, platziert ihn (den Haarreif, nicht den Spiegel) über der Stirn und zupft einige wasserstoffblonde Wellen darüber. Sie schüttelt vorsichtig den Kopf, bis jede Strähne an ihrem Platz sitzt, holt eine Dose Haarspray aus der Handtasche und fixiert das Ganze unter einer chemischen Wolke, die just in diesem Augenblick die Polschmelze einleitet. „Perfekt“, murmelt sie und lächelt sich im Spiegel an.
Urielle nimmt die Brille ab, reibt sich die Schläfen, zieht die Brille wieder auf und summt eine beruhigende Melodie. „Raphaela“, sagt sie dann und zeigt mit dem Finger auf den Haarreif, genauer gesagt auf die Hörner, die daran befestigt sind und im Wasserstoffblond glitzern wie das Blut einer zentaurianischen Bachschnecke im Sonnenlicht. „Was ist das?“
„Luzi besteht darauf.“ Raphaela zuckt mit den Schultern. „Arbeitskleidung. Allerdings passte dieses furchtbar gewöhnliche Rot nicht ansatzweise zum Nagellack, deswegen habe ich es etwas aufgepeppt. Moment!“ Sie steht auf und stöckelt zum Küchenschrank, schaltet die Beleuchtung über der Arbeitsplatte ein und dreht den Kopf im Licht hin und her (natürlich sehr vorsichtig, um die kunstvolle Frisur nicht zu gefährden). Die Hörner glitzern und glimmen in allen erdenklichen (auf Höllenrot abgestimmten) Rottönen. „Wahnsinn, nicht wahr? Effektfarbe!“
Urielle nickt. Aber es ist kein zustimmendes Nicken, eher das Bewusstwerden der Tatsache, dass sie adoptiert worden sein muss. Sie beobachtet Raphaela dabei, wie sie den Taschenspiegel über dem Kopf schwenkt, um ihre Schönheit, sowie ihre Stilsicherheit und ihr Gespür für die richtigen Accessoires einzufangen, sich daran zu berauschen und sich selbst zu bestätigen, und nickt noch energischer. „Was glaubst du wohl, was SIE von dieser – äh – aufgepeppten Arbeitskleidung halten wird? Und was für ein Job ist das überhaupt, den du bei Luzi angenommen hast?“
Raphaela verstaut den Spiegel, das Haarpray, diverse Pinzetten, einen Kamm, zwei Bürsten, den neuen Fön, ein Paar Wechselpumps, zwei Büstenhalter (einen schwarzen und einen roten, man kann ja nie wissen), einen Strumpfhalter (schwarz), Gesichtspuder, drei Lippenstifte, Parfum und die Espressomaschine in der Handtasche (Höllenrot mit Strasssteinen an den Nähten) und klemmt sie sich unter den Arm. „Tut mir leid“, sagt sie, „aber ich muss jetzt wirklich los. Es wäre unhöflich, gleich am ersten Arbeitstag mehr als vier Stunden zu spät zu kommen. Wir sehen uns!“
Urielle lauscht dem sich entfernenden Klackern der Pfennigabsätze und lässt die Stirn auf die Tischplatte knallen. „Eine Adoption“, flüstert sie. „So muss es gewesen sein.“
„Michaela?“ IHRE Stimme klingt selbst für IHRE Verhältnisse ungewöhnlich schrill. „Bist du das? Michaela!“
Michaela stürzt atemlos in die Küche und schließt die Tür. „Das war knapp!“, sagt sie und stellt die Einkaufstüten auf dem Tisch ab. „Warum liegst du in gepeinigter Dichterpose auf dem Tisch?“
Urielle hebt ein wenig den Kopf und sagt: „Raphaela.“
Michaela nickt. „Ich bin ihr eben am Fahrstuhl begegnet.“
„Sie hat einen Job. Bei Luzi. Hast du die“, Urielle tippt sich an die Stirn, „Hörner gesehen?“
„Arbeitskleidung. Luzi besteht darauf.“
Urielle setzt sich auf und rückt ihre Brille gerade. „Du wusstest von den Hörnern?“
Michaela betrachtet eine Packung Basmatireis aus ökologischem Anbau, als suchte sie darin den Stein der Weisen und murmelt etwas Unverständliches.
„Du wusstest davon!“ Urielle trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte. „Hörner!“, sagt sie und trommelt schneller.
„Meine Güte. Urielle, manchmal klingst du genau wie SIE. Ja, Hörner. Na und?“ Sie dreht Urielle den Rücken zu, räumt die Lebensmittel in den Schrank und tut sehr beschäftigt. „Was hältst du von Ingwerplätzchen?“, fragt sie nach einer Weile.
Urielle schiebt ihre Brille hoch und sagt: „Hörner!“
„Okay! Hörner!“ Michaela knallt eine Packung Mehl auf die Arbeitsplatte. „Ja, sie trägt bei der Arbeit Hörner, verdammt!“ Ein Blitz schlägt neben Michaelas Füßen ein. Sie macht einen Schritt zur Seite und ignoriert den aufsteigenden Qualm. „Raphaela geht arbeiten. Seit 500 Jahren redet jeder auf sie ein, dass sie mal was Sinnvolles tun soll und jetzt, wo sie sich endlich aufgerafft hat, willst du ihr das vermiesen, wegen ein paar Hörnerchen?“
Urielle sagt: „Hm.“ Dann stützt sie die Ellbogen auf dem Tisch auf und legt die Fingerspitzen aneinander.
Michaela stöhnt. „Bitte nicht, ich bin wirklich nicht in Stimmung für einen deiner Vorträge.“
Urielle schnauft, nimmt die Arme herunter und legt die Hände flach auf die Tischplatte. „Gut“, sagt sie. „Ich schweige. Nur eine Frage noch: Um was für einen Job handelt es sich überhaupt? Warum zum Geier muss Raphaela diese Hörner tragen? Und was sagt SIE zu dem Ganzen?“
„Nun ja“, sagt Michaela und nimmt die große Backschüssel aus dem Schrank. „Du weißt ja, dass Luzi einige Startschwierigkeiten hatte, seit sie sich selbstständig gemacht hat. Die Sache mit der Erdwärme ist ja gehörig in die Hose gegangen, seit die Subventionen gestrichen wurden und ihre Steuerberaterin mit der Kohle durchgebrannt ist. Erinnerst du dich daran? SIE hatte eine Heidenarbeit damit, den ganzen Qualm aus der Atmosphäre zu kurbeln. Und dann noch die hohen Kredite und die Kosten für die Angestellten …“
„Michaela! Könntest du bitte auf den Punkt kommen? Was treibt Raphaela da unten?“
Michaela bindet ihre Schürze um, wirft vier Päckchen Butter in die Schüssel und schlägt zwölf Eier hinein. Urielle klopft mit den Fingerspitzen auf den Tisch. Michaela gibt sieben Pfund Mehl und zwei Kilo Zucker zu den Eiern und der Butter in die Schüssel, reibt zwei Pfund Ingwer und verrührt das Ganze zu einer Ingwer-Ei-Butter-Mehl-Zucker-Pampe. (Mit der Hand. Von Küchenmaschinen hat sie seit dem Vorfall mit der Nudelmaschine die Nase voll. Vorerst.) Dann sagt sie: „Raphaela ist Arbeitsvermittlerin in Luzis neuem Jobcenter. Luzi meinte, der Laden würde besser laufen, wenn ihre Angestellten einheitliche Arbeitskleidung tragen. Samt Hörnern.“ Sie steckt ihren Finger in die Ingwer-Ei-Undsoweiter-Pampe und leckt ihn ab.
Urielle reibt sich die pochenden Schläfen. „Ein Jobcenter“, sagt sie. „Raphaela ist Arbeitsvermittlerin in einem Jobcenter.“ Sie schließt die Augen und lässt die Information tief in ihr zentrales Nervensystem eindringen. Die Neuronen beginnen zu blubbern wie Brausekügelchen und hüpfen im Großhirn herum, bis die Hirnrinde Blasen schlägt. Dann knallt sie die Stirn auf die Tischplatte und bricht in unkontrolliertes Lachen aus. „Arbeitsvermittlerin“, keucht sie und wischt sich die Tränen aus den Augen.
Michaela stemmt die Hände in die Hüften. „Du bist unglaublich blasiert!“
Urielle sagt „Arbeitshaver“ (zumindest klingt es so) und verschluckt sich keuchend und prustend am Rest des Wortes. Als sie sich soweit unter Kontrolle hat, dass sie nur gelegentlich von Lachanfällen geschüttelt wird, schnäuzt sie sich in ihr Taschentuch und richtet ihre Brille. „Okay“, sagt sie, hält einen Moment die Luft an und unterdrückt ein Kichern.
Michaela sieht sie vorwurfsvoll an und sagt nichts. Dann rollt sie den Teig aus und beginnt kleine dicke Engel auszustechen, legt sie vorsichtig auf das Backblech und schiebt es in den Ofen. Sie wischt die Hände an der Schürze ab und räuspert sich. „Es wäre sehr nett von dir“, sagt sie dann, immer noch zum Ofen gewandt, „wenn du IHR nichts von Raphaelas Job sagen würdest. SIE denkt, Raphaela leistet ihr soziales Jahr bei der Heilsarmee ab.“
Urielle presst eine Hand aufs Zwerchfell, atmet tief ein und aus und starrt Michaela an (Michaela starrt zurück).
Das Telefon klingelt. Michaela nimmt den Hörer ab, dreht an der Kurbel und sagt: „Michaela.“ Nach einer Weile nickt sie langsam und sagt: „Hm … Nun reg dich bitte nicht auf, das ist bestimmt nur eine kleine Verzögerung. SIE hat sicher schon … Ja, ich bringe das in Ordnung, okay. Bis dann!“ Sie legt den Hörer auf und sieht Urielle an. „Kann es sein“, sagt sie, „dass du etwas vergessen hast?“
Urielle versucht nachzudenken, aber das Bild von Raphaela in einer Uniform der Heilsarmee will einfach nicht zur Seite rücken, um anderen Gedanken Platz zu machen. „Nicht, dass ich wüsste“, sagt sie also nur und zuckt die Schultern.
„Sintflut“, sagt Michaela.
Urielle nimmt ihre Brille ab und putzt die Gläser mit einem Taschentuch, als sie mit dem Ergebnis zufrieden ist, setzt sie sie wieder auf und sagt: „Upps.“
Michaela bläst die Luft aus und sagt: „Noah liegt mit diesem riesigen, selbstgebastelten Holzschiff auf dem Trockenen und wartet auf die Flut. Sie ist ziemlich sauer. Die Tiere werden auch unruhig. Die Einhörner haben angekündigt, dass sie auf keinen Fall länger warten werden und die Greife haben das Schiff bereits verlassen.“
Urielle hört nur mit halbem Ohr hin, sie kramt in ihren Unterlagen und sucht die Stelle mit der Sintflut heraus. „Ah“, murmelt sie, „tatsächlich.“ Wie hatte sie das nur vergessen können? Daran sind nur Raphaela und ihr merkwürdiger Job schuld! Sie schiebt das Heilsarmee-Bild gewaltsam zur Seite und sucht tief in ihrem Inneren nach Inspiration, um das Werk angemessen, aber vor allem zügig, zu beenden. Wo war sie stehen geblieben? Ah, ja, also dann.
Und SIE sprach: Denn von nun an über sieben Tage will ICH regnen lassen auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte und vertilgen von dem Erdboden alles, was nicht Pink ist, nicht glitzert, nicht süß aussieht und schmeckt oder MIR rechtzeitig meinen Pfefferminztee bringt.
Urielle schüttelt den Kopf und sieht Michaela an. „Was soll das überhaupt?“, fragt sie. „Warum will SIE den Blauen überfluten?“
„Damit er ganz blau ist. SIE meinte, IHR gingen die unregelmäßigen Flecken auf die Nerven.“
„Das ist doch ein Scherz?“ Urielle legt die Feder zurück in die Schale und schiebt ihre Brille hoch. Dann schüttelt sie den Kopf und sagt: „Schon gut, vergiss es, das war eine dämliche Frage.“ Sie atmet tief ein und aus und setzt die Feder an. Augen zu und durch.
Und Noah tat, was SIE ihr geheißen (zumindest fast). Sie brachte von allen Tieren ein paar auf die Arche und wartete auf die angekündigte Flut.
Urielle reibt sich über die Stirn. „Ich kann das nicht schreiben“, sagt sie. „Unmöglich. SIE spinnt doch!“
Michaela gießt eine Tasse Pfefferminztee ein und nickt resigniert. „Dass SIE spinnt, ist ja nun nichts Neues.“ Sie stellt den Tee und Zucker auf das Tablett und seufzt. „Ich muss erst mal. SIE wartet sicher schon.“

SIE sitzt in IHREM Ohrensessel. Die Kurbel quietscht lauter als gewöhnlich und Michaela lauscht einen Augenblick, bis sie feststellt, dass SIE etwas summt, das wohl eine Melodie sein soll.
Sie stellt das Tablett auf dem kleinen Tisch ab, schenkt den Tee ein und rührt drei Stück Zucker hinein. SIE dreht und quietscht und summt und beachtet die Teetasse nicht, die Michaela IHR hinhält. „DEIN Tee“, sagt sie deshalb.
„Pssst!“, zischt SIE und dreht und summt konzentriert weiter.
Michaela seufzt. Sie registriert das irre Funkeln in IHREN Augen und fragt sich, wie lange es wohl noch dauern wird, bis SIE gänzlich durchdreht. Oder nicht mehr dreht, was in IHREM speziellen Fall wohl zutreffender ist.
Michaela stellt die Teetasse auf das Tablett zurück. Und immer noch summt SIE und zuckt irgendwie spastisch mit dem Kopf. „Jetzt!“, kreischt SIE. Summen. „Jetzt, Michaela, guck doch!“ Summmmmmm. „Da, ich schaffe es!“ Summsummmmm.
Michaela sieht nach oben. SIE stoppt abrupt die Kurbel, dreht kurz in die entgegengesetzte Richtung und dann wieder andersherum. SIE summt jetzt noch angestrengter. Die braunen Flecken auf dem Blauen werden plötzlich komplett von blauen Schlieren überzogen, die sich aber gleich darauf wieder in die ursprüngliche Lage zurückziehen. Der Blaue ist immer noch blau-braun-gefleckt. SIE hört auf zu summen und sagt: „Scheiße!“ Dann hört SIE auf zu drehen und stürzt IHREN Pfefferminztee hinunter. „Warum ist Urielle immer noch nicht fertig? Warum ist der Blaue immer noch nicht blau?“
Michaela zuckt mit den Schultern und SIE dreht die Kurbel. IHREN Blick auf IHRE Häschen-Hausschuhe gerichtet. SIE wackelt mit den Füßen und singt leise „Blau, blau, blau, sind alle meine Farben“ vor sich hin.
Michaela nimmt das Tablett und zieht sich leise zurück. Die Ohren der Häschen wackeln und SIE kichert. Zumindest summt SIE nicht mehr.

Urielle starrt auf das unvollendete Werk und seufzt. Sie hasst es, unvollendete Werke zu hinterlassen und sinnt auf einen Kompromiss, der sie zufriedenstellen würde und den SIE nicht als solchen erkennt. Sintflut geht gar nicht, soviel steht fest.
Das Telefon klingelt und sie steckt sich die Finger in die Ohren, um den Inspirationsfindungsvorgang nicht zu unterbrechen. Sintflut, Springflut, Armut, Hartmut, Tutut. Die Muse will einfach nicht wie sie soll. Genialität ist eine schwere Bürde und Musen sind fiese, launische Geschöpfe, die direkt aus dem Höllenschlund gekrochen kommen, zu dem einen und einzigen Zweck, Urielles Genie zu untergraben und den schöpferischen Prozess zu behindern.
Sie rückt ihre Brille gerade und krempelt die Ärmel auf. Dann eben mit dem Holzhammer!
SIE überlegte es sich anders und die angekündigte Sintflut blieb aus. Die Tiere kehrten zurück in ihre Heimat, nur die Einhörner waren so sauer, dass sie sich von diesem Tag an nicht mehr blicken ließen und tief in die verwunschenen Wälder zurückzogen. Noah dankte IHR für IHRE unermessliche Güte und …
Urielle kaut sinnend auf der Feder. Was macht Noah eigentlich, wenn sie keine Arche baut?
Das Telefon klingelt. Schon wieder. Wie soll man bei diesen nervenzerrenden Unterbrechungen klare Gedanken fassen?
Zum Glück kommt Michaela in die Küche und nimmt den Hörer ab. Sie nickt, schüttelt den Kopf, nickt wieder, sieht Urielle an und zieht theatralisch die Augenbrauen hoch. „Hmhm“, sagt sie dann und „Moment!“ Sie hält den Hörer zu und zieht die Augenbrauen noch ein Stück höher. „Das ist Noah. Möchtest du dich vielleicht zu dem Thema Sintflut äußern?“
Urielle verschränkt die Arme vor der Brust und lehnt sich zurück, was ihr hoffentlich einen entspannten und selbstsicheren Ausdruck verleiht. „Die Sintflut wurde gecancelt“, sagt sie knapp.
Noahs Stimme dringt, durch Michaelas Finger hindurch, verzerrt aus dem Hörer. Michaela stöhnt, nickt Urielle aber zu. „Okay“, sagt sie, atmet tief ein und legt den Hörer wieder ans Ohr. „Noah, es gab da eine Planänderung … Jetzt hör doch erst mal … Nein, SIE wird nicht … Auf keinen Fall, aber du könntest doch …“ Michaela holt tief Luft und schreit: „Halt die Klappe!“ Stille. Keine Gekreische mehr vom anderen Ende der Leitung. Gut. „Also: Ich werde jetzt Raphaela anrufen und sie wird dir einen neuen Job besorgen. Was? … Ja, sicher mit besseren Konditionen, das ist doch … Und Urlaub … Ja, Weihnachtsgeld auch … Überstrapaziere meine Geduld nicht! Ich melde mich dann … Natürlich!“
Sie knallt den Hörer auf, nimmt ihn wieder ab, dreht die Kurbel und wartet. „Raphaela, bitte“, sagt sie und wartet wieder, wiegt den Kopf und summt eine Melodie mit. „Hallo, Raphaela? Michaela, ja. Ich brauche deine Hilfe … Nein, ich möchte meinen Look nicht … Nein, keine … Was für Problemzonen? Ich habe keine … Jetzt halt bitte mal die Luft an! Ich schicke dir Noah vorbei. Sie braucht einen sicheren Job mit garantierten Sozialleistungen … Nein, die Sintflut wurde gecancelt … Ja, okay, bis später.“
Der Hörer knallt auf die Gabel. Abnehmen, Kurbel drehen, warten. „Noah, Klappe halten und zuhören! Du hast einen Termin bei Raphaela. Jobcenter, Höllenschlund 6, in fünfzehn Minuten. Tschüss!“
Sie legt auf und lehnt sich an die Arbeitsplatte. Ihre Wangen sind gerötet und sie verdreht die Augen. „Ich hasse diesen Telefonapparat“, sagt sie.
Urielle sagt: „Ha! Meine Rede.“ Dabei kommen ihr glitzernde Visionen in den Sinn, die nach Weihrauch und Würsten duften und sie zieht sich tief in ihren Geist zurück. Versonnen greift sie zur Feder und beginnt ein neues Meisterwerk, das so voller Friede und Freude ist, dass es ihr Tränen der Rührung in die Augen treibt.
Michaela sieht Urielle zu. Ihr Gesichtsausdruck erinnert sie erschreckend an IHREN Gesichtsausdruck, als SIE verzückt die wackelnden Häschenohren betrachtete, und sie macht sich doch ein wenig Sorgen. „Urielle?“, fragt sie. „Alles okay?“
Urielle ist so mit ihrem Genie verschmolzen, dass sie alles um sich herum vergessen hat. „Kerzenschimmer“, murmelt sie. „Oh ja!“
Michaela schüttelt den Kopf und holt das Mehl aus dem Schrank. Sie verspürt das dringende Bedürfnis, eine Tätigkeit auszuüben, die eindeutig belegt, dass sie nicht durchgedreht ist und was wäre da angebrachter, als noch ein Blech Plätzchen zu backen? Zimtsterne. Oder doch Kokosmakronen? Auf jeden Fall müssen die Plätzchen normal aussehen. Klare, wohlproportionierte Formen und unauffällige Farben. Braun ist gut, vielleicht eine Glasur? Nein, eine Glasur könnte falsch verstanden werden. Besser auch keine Zuckerstreusel.
Urielles Feder kratzt über das Pergament und Michaela gibt die Zutaten in die große Schüssel. Beide sind in ihren eigenen Welten gefangen, selbstvergessen, ganz Konzentration. Keine von beiden registriert das ungewöhnliche Scharren und Rumpeln, das aus dem Kamin in IHR Zimmer dringt und keine hört den langgezogenen Schrei, das Poltern und IHR Gekreische. Erst als die Küchentür an die Wand schlägt und ein rotgekleideter, bärtiger, fetter Mann in die Küche stürzt sehen die Beiden auf.
Michaela hebt abwehrend den Kochlöffel (wobei etwas Teig auf die Fliesen tropft), Urielle hebt angriffslustig die Feder. Der fette Mann zupft sich ein paar Hustenbonbons aus dem Bart, legt einen IHRER Häschen-Hausschuhe auf den Tisch und sagt: „Hohoho. SIE spinnt doch!“
Urielle und Michaela kneifen die Augen zusammen, starren den Mann an und sagen: „Noah?“
Noah sagt „Ach so“ und nimmt den Bart ab, in dem immer noch hartnäckig einige Bonbons kleben.
Urielle schiebt ihre Brille hoch und legt die Feder in die Schale. „Okay“, sagt sie und reibt sich die Schläfen. „Ich bin nicht sicher, ob ich es wissen will.“
„Aber ich will es wissen!“ Michaela fuchtelt mit dem Kochlöffel herum und bespritzt die Küchenschränke mit Plätzchenteig. „Warum trägst du einen Bart, diesen Bauch und diese Klamotten? Was machst du mit IHREM Hausschuh? Und was machst du überhaupt hier?“
„Ach so“, sagt Noah noch einmal, zieht den Bart wieder an, breitet die Arme aus, holt tief Luft und beginnt zu singen:
„Vom Höllenschlund da komm ich her,
ich bring euch gute-he neue Mär,
und Werbegeschenke bring ich viel,
weil Luzi eure Se-he-le will.“
Noah dreht sich einmal ungrazil um die eigene Achse und deutet mit einer übertriebenen Geste auf den Jutesack, den sie zu ihren Füßen abgestellt hat. Urielles Brille rutscht auf die Nasenspitze. Sie schiebt sie nicht zurück. Michaela betrachtet das rote Horn, das unter Noahs verrutschter Mütze hervorlugt und sagt: „Äh.“
Nach einigem Kramen in dem braunen Sack zieht Noah zwei in rotes Geschenkpapier gewickelte Päckchen hervor und legt sie auf den Küchentisch. „So, Feierabend“, sagt sie und setzt sich. „Könnte ich vielleicht ein Bier bekommen? Meine Kehle ist vom vielen Singen ganz ausgedörrt!“
Michaela stellt ihr wortlos eine Tasse Pfefferminztee hin und setzt sich neben Urielle. „Also“, sagt sie streng, „was genau soll das alles?“
Noah nippt an ihrem Tee und verzieht das Gesicht. „Werbemaßnahmen“, sagt sie dann. „Luzi hat sich entschlossen, ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Ich bin dafür zuständig, die Werbegeschenke zu verteilen. Flächendeckend! Ich könnt euch nicht vorstellen, was für ein riesiges Gebiet ich alleine zu bewältigen habe. Aber die Bezahlung ist gut. Und ich habe einen niegelnagelneuen Firmenwagen mit zwölf Rentierstärken!“ Sie deutet auf die Päckchen. „Macht doch mal auf!“
Urielle zuckt mir den Schultern. Ist nun auch egal. Sie wickelt das Geschenkpapier ab.
Michaela sieht ihr skeptisch dabei zu und Noah plappert munter weiter: „Auf dem Blauen, das war allerdings etwas merkwürdig. Es schien fast so, als hätten mich die Leute erwartet. Fast alle Häuser waren mit kitschigen Lichterketten geschmückt, dazu überall schmalzige Musik und Kerzengedöns und so.“
Urielle hält inne, sieht auf ihr neues Werk und schiebt unauffällig ein leeres Blatt auf das Geschriebene, bevor sie das Päckchen endgültig öffnet. „Ah“, sagt sie.
Michaela saugt die Luft durch die Zähne ein und sagt: „Oh.“
Noah trinkt den Tee aus und sagt: „Cool, was?“ Dann zieht sie Urielles Kreuzworträtsel heran und murmelt: „Mittelamerikanisches Land mit sechs Buchstaben. Hm. Ah, na klar!“ Sie greift sich Urielles Feder und schreibt: PÖMPEL


SIE kreischt nach Michaela und wackelt mit den Füßen, IHREN Blick auf IHREN verbliebenen Häschen-Hausschuh gerichtet. Die Häschenohren wackeln auch. SIE kichert. Die Welten zittern. Gelegentlich wanken sie, verlangsamen ihren Lauf und beschleunigen ihn wieder. Aber SIE dreht die Kurbel, wie SIE es schon immer tat. Dreht und dreht (und wackelt) und dreht.


Einen schönen Nikolaustag!

Freitag, 4. Dezember 2015

Ein Gratis-eBook zum Wochenende

Auf dem Blog war es ziemlich still in den letzten Monaten. Susanne ertrinkt in Arbeit und ich brauchte dringend eine Pause vom Schreiben und allem was dazu gehört. 

Heute melde ich mich mit einem Geschenk zurück. Wer noch keinen Lesestoff fürs Wochenende hat, kann sich "Klänge von Schnee" gratis via Amazon herunterladen. 

Viel Spaß damit, ein schönes Wochenende und einen gemütlichen 2. Advent euch allen!

Simone

Donnerstag, 16. Juli 2015

Hildegard Twiford

Ich hatte schon einige neue Figuren im Kopf, denen Miyo im Lauf der Geschichte begegnen wird. Eine davon ist Hildegard Twiford. Bis jetzt wusste ich nicht viel mehr über sie, als dass sie Leiterin eines Waisenhauses ist.

Vorhin war mir zu heiß zum Denken und ich war müde, also kritzelte ich Miss Twifords Namen in mein Notizbuch, ohne groß darüber nachzudenken. Hätte ich geahnt, was sich daraus ergibt, ich hätte ihn etwas kleiner geschrieben.

Miss Twiford entwickelt sich gerade zu einer ziemlich interessanten Figur. Sie hatte keine gute Kindheit. Und sie ist kein guter Mensch geworden. Aber ist sie wirklich durch und durch böse?

Noch viel spannender erscheint mir aber die Frage: Können mechanische Menschen lieben? Nun, sie müssen es wohl können. Zumindest einer von ihnen. :)

Kapitel Eins

Donnerstag, 9. Juli 2015

Die Faszination unvollendeter Projekte

Das kennen wohl alle AutorInnen: Man beginnt ein Projekt, plant, plottet (oder wie auch immer man an seine Projekte herangeht), schreibt, hat viel Spaß dabei und dann kommt alles ganz anders. Das Leben, der Job, andere Projekte und notorischer Zeitmangel funken einem dazwischen und man muss zwangsläufig irgendetwas auf Eis legen, wenn man nicht burnoutet in der Klappse landen will. 

Aber Gedanken lassen sich nicht so einfach steuern und schon gar nicht ruhig stellen. Irgendwo im Hinterkopf brodeln alle vernachlässigten oder eingelagerten Projekte weiter vor sich hin. Die Figuren führen ihr eigenes Leben, werden möglicherweise älter, reifer, eigensinniger, manche sterben vielleicht sogar, aber eines tun sie niemals: Sich mit ihrem Dasein auf dem Abstellgleis zufrieden geben.

Und das ist auch gut so.

Vor einigen Tagen ist mir eine dieser zwangsbeurlaubten Geschichten wieder in die Hände gefallen. Und was soll ich sagen, etwas ganz besonderes passierte mir beim Lesen: Die Figuren erwachten in meinem Kopf zum Leben, als hätte es diese zweijährige Pause nie gegeben. 

Normalerweise liest man als Autorin seine eigenen Geschichten mit der Lektorinnenbrille auf der Nase, runzelt die Stirn bei manchen Sätzen, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen bei so einigen Entwicklungen, betätigt unheimlich unauffällig die Löschtaste bei so mancher Formulierung, die man damals, als man sie schrieb, natürlich für überaus genial hielt. ^^ 

Aber all das passierte mir dieses Mal nicht. Die Lektorinnenbrille blieb in der Schublade liegen und ich las die Geschichte mit Leserinnenaugen – einfach so, zum Spaß. Und was soll ich sagen? Ich hatte Spaß dabei. An einigen Stellen habe ich gelächelt, an anderen hatte ich Pipi in den Augen, ich hab mich neu verliebt, das Beste erhofft und das Schlimmste gefürchtet, und insgesamt fühlte es sich an wie nach Hause zu kommen. 

Dann habe ich mir ein neues Notizbuch geschnappt und einfach drauflosgekritzelt, alte Gedanken hervorgekramt und neue entstehen lassen, und werde nun mal schauen, wo sie mich und die Geschichte hinführen. Genügend Ideen haben sich auf jeden Fall angesammelt.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an den Blog, auf dem ich die Geschichte damals veröffentlicht habe. Ich bin nicht sicher, ob der Anfang so bleiben wird und wie es weitergeht, aber ich weiß ganz genau, dass es weitergeht. Denn solange eine Geschichte noch nicht beendet ist, werden die Figuren keine Ruhe geben – ganz egal, wie lange sie warten müssen. 

Sonntag, 10. Mai 2015

Ideen sind kleine Gnome mit pinkfarbenen Zipfelmützen, Vulkanierohren und penetranten Quietschstimmen

... aber manchmal sehen sie auch aus wie besoffene Einhörner oder Ulrike Renk.


Ideen sind kleine nervige Wichtige, die einem den Schlaf rauben. Sie sind der Grund dafür, wenn man auf dem Nachhauseweg falsch abbiegt und plötzlich an der Tankstelle steht, statt auf dem heimischen Parkplatz. Sie sind Schuld an der Tatsache, dass man auch nach dem dritten Zurückspulen und Ansehen des Filmendes keinen Schimmer hat, wie die beiden sich nun gekriegt haben. Sie sind dafür verantwortlich, wenn es Nudeln statt des geplanten Kartoffelauflaufs zu Essen gibt, weil man im Keller nicht mehr wusste, was man eigentlich holen wollte. Kurz: Ideen sind fiese kleine Arschlöcher. 

Nein. Ideen sind der Grundstein, aus dem Geschichten entstehen. Trotzdem sind sie nervig, ab und an gemein und selten sogar hässlich. Und manchmal sehen sie aus wie besoffene Einhörner, oder wie die Idee zu diesem Artikel: Die sieht aus wie meine 42er Kollegin Ulrike Renk. 

Ulli wird mir dafür verzeihen. Oder auch nicht. Auf jeden Fall ist die kleine Renk-Idee schuld an diesem Text.

Eben las ich Ullis Blogartikel über Ideenfindung und fragte mich, wie ich eigentlich meine Ideen finde und fand die Idee, einen Artikel über Ideenfindung zu schreiben. Was eigentlich auch schon die Essenz des Artikels ist. 

Viele Ideen entstehen klammheimlich in meinem multiplen Unterbewusstsein, aber viele schleichen sich auch von Außen in meinen Kopf ein und besetzen ihn. Dann rollen sie ihre Thermomatten zwischen den Synapsen aus, machen ein Lagerfeuer im Großhirn, nageln Familienfotos an den Balken; sie hängen Transparente aus den Fenstern zum Hof, auf denen sie bekannt geben: Dieses Gehirn wurde besetzt. Manche tanzen im Kleinhirn Cha-Cha-Cha, andere lesen sich Klassiker im Thalamus vor, ein besonders agiles Pärchen trieb es gar wild in der Zirbeldrüse. Wo sie ihre Notdurft verrichten habe ich bis jetzt nicht herausgefunden, aber manche Dinge möchten selbst Autorinnen nicht wissen. 

Und da sind sie nun, die kleinen penetranten Hirnbesetzer und freuen sich ihres Lebens. Als Autorin kann einem das manchmal etwas zu viel werden, wenn das Oberstübchen bis in die letzte Hirnwindung belegt ist, aber das ist unser Los, unser Schicksal, unsere Bürde. Und natürlich die Quelle, aus der Geschichten entstehen. 

Wo aber kommen sie her, die kleinen Ideengnome? Von überall und nirgendwo. Ideen sind Heimatlose, Tramps, Vagabunden, die aus Gemälden gepurzelt, aus Tönen entstanden, aus Buchseiten geflüchtet sind. Sie haben einfach noch kein passendes Zuhause gefunden und das Autorinnenhirn ist nur ein Übergangsplatz, an dem sie sich niederlassen, weil sie nicht wissen, wo sie sonst hin sollen. 

Ihren festen Wohnsitz finden sie in den Geschichten, die durch sie und mit ihnen entstehen. 

Leider kann ich nicht allen ein Heim bieten, manchmal passen wir einfach nicht zusammen. Wenn man sich gemeinsam einrichten will, braucht man einfach die gleiche Wellenlänge, gemeinsame Interessen, man muss miteinander reden und einander verstehen können. Wie das im Leben eben so ist. Dann ziehen einige der Wichte weiter, besetzen einen anderen Kopf, machen es sich dort gemütlich und wenn sie ganz viel Glück haben, finden sie endlich eine Heimat. 

Aber die, die bleiben, bilden den Grundstock für einen neuen Roman, eine Geschichte, einen Blogartikel. Die, die bleiben, sind der Grund, weswegen man die ganzen anderen, oft nervigen Ideengnome, wenn auch nur übergangsweise, beherbergt. Die, die bleiben, werden zu einem Teil von einem selbst, genau wie die Geschichten, die durch sie entstehen. 

Ideen sind potentielle Familienmitglieder, Geliebte, beste Freunde, und ich hoffe, sie hören nie auf Cha-Cha-Cha zu tanzen und bis spät in die Nacht am Lagerfeuer zu singen, auch wenn die Großhirnrinde dabei schon die eine oder andere leichte Verbrennung hinnehmen musste.