Sonntag, 6. Dezember 2015

Alle Jahre wieder ...

Wie Raphaela den Weihnachtsmann erfand. ;)

„Mittelamerikanischer Staat mit sechs Buchstaben. Der erste ist ein P. Hm.“
„Pömpel.“ Raphaela pustet auf ihre Fingernägel und schraubt umständlich den Nagellack zu, dann sieht sie Urielle an.
Urielle rückt ihre Brille gerade und legt die Feder langsam in die Schale. „Pömpel!?“
„Was denn?“
„Nichts. Gar nichts, ich hab nur keine Lust mehr. Wann musst du los?“
Raphaela sieht auf die Uhr und sagt: „Oh.“ Sie wirft den Nagellack (Höllenrot) in ihre Handtasche, richtet ihren Busen und betrachtet kritisch ihre Nägel, ohne dabei die Stirn zu runzeln (Faltengefahr). „Findest du die Farbe zu gewagt?“, fragt sie und schwenkt die Hand vor Urielles Gesicht.
Urielle lässt ihre Blicke über Raphaela gleiten. Sie trägt ein enges kurzes Kleid, dessen Farbe penibel auf den Nagellack abgestimmt ist. Rot. Aber kein Höllenrot, das Rot des Kleides ist eine Nuance dunkler. Diese stilistische Feinheit bemerkt Urielle natürlich nicht, noch wüsste sie die Genialität, die hinter solch einer feinen, aber akzentuierten Farbabstufung steckt, zu würdigen.
Raphaelas Busen sprengt fast den Ausschnitt. Urielle schiebt die Brille bis zur Nasenwurzel hoch und kneift die Augen zusammen. Ist er schon wieder größer geworden? Sie räuspert sich und sagt: „Nein, die Farbe ist nicht zu gewagt.“
Raphaela kramt in ihrer Handtasche und zieht einen Spiegel und einen Haarreif heraus, platziert ihn (den Haarreif, nicht den Spiegel) über der Stirn und zupft einige wasserstoffblonde Wellen darüber. Sie schüttelt vorsichtig den Kopf, bis jede Strähne an ihrem Platz sitzt, holt eine Dose Haarspray aus der Handtasche und fixiert das Ganze unter einer chemischen Wolke, die just in diesem Augenblick die Polschmelze einleitet. „Perfekt“, murmelt sie und lächelt sich im Spiegel an.
Urielle nimmt die Brille ab, reibt sich die Schläfen, zieht die Brille wieder auf und summt eine beruhigende Melodie. „Raphaela“, sagt sie dann und zeigt mit dem Finger auf den Haarreif, genauer gesagt auf die Hörner, die daran befestigt sind und im Wasserstoffblond glitzern wie das Blut einer zentaurianischen Bachschnecke im Sonnenlicht. „Was ist das?“
„Luzi besteht darauf.“ Raphaela zuckt mit den Schultern. „Arbeitskleidung. Allerdings passte dieses furchtbar gewöhnliche Rot nicht ansatzweise zum Nagellack, deswegen habe ich es etwas aufgepeppt. Moment!“ Sie steht auf und stöckelt zum Küchenschrank, schaltet die Beleuchtung über der Arbeitsplatte ein und dreht den Kopf im Licht hin und her (natürlich sehr vorsichtig, um die kunstvolle Frisur nicht zu gefährden). Die Hörner glitzern und glimmen in allen erdenklichen (auf Höllenrot abgestimmten) Rottönen. „Wahnsinn, nicht wahr? Effektfarbe!“
Urielle nickt. Aber es ist kein zustimmendes Nicken, eher das Bewusstwerden der Tatsache, dass sie adoptiert worden sein muss. Sie beobachtet Raphaela dabei, wie sie den Taschenspiegel über dem Kopf schwenkt, um ihre Schönheit, sowie ihre Stilsicherheit und ihr Gespür für die richtigen Accessoires einzufangen, sich daran zu berauschen und sich selbst zu bestätigen, und nickt noch energischer. „Was glaubst du wohl, was SIE von dieser – äh – aufgepeppten Arbeitskleidung halten wird? Und was für ein Job ist das überhaupt, den du bei Luzi angenommen hast?“
Raphaela verstaut den Spiegel, das Haarpray, diverse Pinzetten, einen Kamm, zwei Bürsten, den neuen Fön, ein Paar Wechselpumps, zwei Büstenhalter (einen schwarzen und einen roten, man kann ja nie wissen), einen Strumpfhalter (schwarz), Gesichtspuder, drei Lippenstifte, Parfum und die Espressomaschine in der Handtasche (Höllenrot mit Strasssteinen an den Nähten) und klemmt sie sich unter den Arm. „Tut mir leid“, sagt sie, „aber ich muss jetzt wirklich los. Es wäre unhöflich, gleich am ersten Arbeitstag mehr als vier Stunden zu spät zu kommen. Wir sehen uns!“
Urielle lauscht dem sich entfernenden Klackern der Pfennigabsätze und lässt die Stirn auf die Tischplatte knallen. „Eine Adoption“, flüstert sie. „So muss es gewesen sein.“
„Michaela?“ IHRE Stimme klingt selbst für IHRE Verhältnisse ungewöhnlich schrill. „Bist du das? Michaela!“
Michaela stürzt atemlos in die Küche und schließt die Tür. „Das war knapp!“, sagt sie und stellt die Einkaufstüten auf dem Tisch ab. „Warum liegst du in gepeinigter Dichterpose auf dem Tisch?“
Urielle hebt ein wenig den Kopf und sagt: „Raphaela.“
Michaela nickt. „Ich bin ihr eben am Fahrstuhl begegnet.“
„Sie hat einen Job. Bei Luzi. Hast du die“, Urielle tippt sich an die Stirn, „Hörner gesehen?“
„Arbeitskleidung. Luzi besteht darauf.“
Urielle setzt sich auf und rückt ihre Brille gerade. „Du wusstest von den Hörnern?“
Michaela betrachtet eine Packung Basmatireis aus ökologischem Anbau, als suchte sie darin den Stein der Weisen und murmelt etwas Unverständliches.
„Du wusstest davon!“ Urielle trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte. „Hörner!“, sagt sie und trommelt schneller.
„Meine Güte. Urielle, manchmal klingst du genau wie SIE. Ja, Hörner. Na und?“ Sie dreht Urielle den Rücken zu, räumt die Lebensmittel in den Schrank und tut sehr beschäftigt. „Was hältst du von Ingwerplätzchen?“, fragt sie nach einer Weile.
Urielle schiebt ihre Brille hoch und sagt: „Hörner!“
„Okay! Hörner!“ Michaela knallt eine Packung Mehl auf die Arbeitsplatte. „Ja, sie trägt bei der Arbeit Hörner, verdammt!“ Ein Blitz schlägt neben Michaelas Füßen ein. Sie macht einen Schritt zur Seite und ignoriert den aufsteigenden Qualm. „Raphaela geht arbeiten. Seit 500 Jahren redet jeder auf sie ein, dass sie mal was Sinnvolles tun soll und jetzt, wo sie sich endlich aufgerafft hat, willst du ihr das vermiesen, wegen ein paar Hörnerchen?“
Urielle sagt: „Hm.“ Dann stützt sie die Ellbogen auf dem Tisch auf und legt die Fingerspitzen aneinander.
Michaela stöhnt. „Bitte nicht, ich bin wirklich nicht in Stimmung für einen deiner Vorträge.“
Urielle schnauft, nimmt die Arme herunter und legt die Hände flach auf die Tischplatte. „Gut“, sagt sie. „Ich schweige. Nur eine Frage noch: Um was für einen Job handelt es sich überhaupt? Warum zum Geier muss Raphaela diese Hörner tragen? Und was sagt SIE zu dem Ganzen?“
„Nun ja“, sagt Michaela und nimmt die große Backschüssel aus dem Schrank. „Du weißt ja, dass Luzi einige Startschwierigkeiten hatte, seit sie sich selbstständig gemacht hat. Die Sache mit der Erdwärme ist ja gehörig in die Hose gegangen, seit die Subventionen gestrichen wurden und ihre Steuerberaterin mit der Kohle durchgebrannt ist. Erinnerst du dich daran? SIE hatte eine Heidenarbeit damit, den ganzen Qualm aus der Atmosphäre zu kurbeln. Und dann noch die hohen Kredite und die Kosten für die Angestellten …“
„Michaela! Könntest du bitte auf den Punkt kommen? Was treibt Raphaela da unten?“
Michaela bindet ihre Schürze um, wirft vier Päckchen Butter in die Schüssel und schlägt zwölf Eier hinein. Urielle klopft mit den Fingerspitzen auf den Tisch. Michaela gibt sieben Pfund Mehl und zwei Kilo Zucker zu den Eiern und der Butter in die Schüssel, reibt zwei Pfund Ingwer und verrührt das Ganze zu einer Ingwer-Ei-Butter-Mehl-Zucker-Pampe. (Mit der Hand. Von Küchenmaschinen hat sie seit dem Vorfall mit der Nudelmaschine die Nase voll. Vorerst.) Dann sagt sie: „Raphaela ist Arbeitsvermittlerin in Luzis neuem Jobcenter. Luzi meinte, der Laden würde besser laufen, wenn ihre Angestellten einheitliche Arbeitskleidung tragen. Samt Hörnern.“ Sie steckt ihren Finger in die Ingwer-Ei-Undsoweiter-Pampe und leckt ihn ab.
Urielle reibt sich die pochenden Schläfen. „Ein Jobcenter“, sagt sie. „Raphaela ist Arbeitsvermittlerin in einem Jobcenter.“ Sie schließt die Augen und lässt die Information tief in ihr zentrales Nervensystem eindringen. Die Neuronen beginnen zu blubbern wie Brausekügelchen und hüpfen im Großhirn herum, bis die Hirnrinde Blasen schlägt. Dann knallt sie die Stirn auf die Tischplatte und bricht in unkontrolliertes Lachen aus. „Arbeitsvermittlerin“, keucht sie und wischt sich die Tränen aus den Augen.
Michaela stemmt die Hände in die Hüften. „Du bist unglaublich blasiert!“
Urielle sagt „Arbeitshaver“ (zumindest klingt es so) und verschluckt sich keuchend und prustend am Rest des Wortes. Als sie sich soweit unter Kontrolle hat, dass sie nur gelegentlich von Lachanfällen geschüttelt wird, schnäuzt sie sich in ihr Taschentuch und richtet ihre Brille. „Okay“, sagt sie, hält einen Moment die Luft an und unterdrückt ein Kichern.
Michaela sieht sie vorwurfsvoll an und sagt nichts. Dann rollt sie den Teig aus und beginnt kleine dicke Engel auszustechen, legt sie vorsichtig auf das Backblech und schiebt es in den Ofen. Sie wischt die Hände an der Schürze ab und räuspert sich. „Es wäre sehr nett von dir“, sagt sie dann, immer noch zum Ofen gewandt, „wenn du IHR nichts von Raphaelas Job sagen würdest. SIE denkt, Raphaela leistet ihr soziales Jahr bei der Heilsarmee ab.“
Urielle presst eine Hand aufs Zwerchfell, atmet tief ein und aus und starrt Michaela an (Michaela starrt zurück).
Das Telefon klingelt. Michaela nimmt den Hörer ab, dreht an der Kurbel und sagt: „Michaela.“ Nach einer Weile nickt sie langsam und sagt: „Hm … Nun reg dich bitte nicht auf, das ist bestimmt nur eine kleine Verzögerung. SIE hat sicher schon … Ja, ich bringe das in Ordnung, okay. Bis dann!“ Sie legt den Hörer auf und sieht Urielle an. „Kann es sein“, sagt sie, „dass du etwas vergessen hast?“
Urielle versucht nachzudenken, aber das Bild von Raphaela in einer Uniform der Heilsarmee will einfach nicht zur Seite rücken, um anderen Gedanken Platz zu machen. „Nicht, dass ich wüsste“, sagt sie also nur und zuckt die Schultern.
„Sintflut“, sagt Michaela.
Urielle nimmt ihre Brille ab und putzt die Gläser mit einem Taschentuch, als sie mit dem Ergebnis zufrieden ist, setzt sie sie wieder auf und sagt: „Upps.“
Michaela bläst die Luft aus und sagt: „Noah liegt mit diesem riesigen, selbstgebastelten Holzschiff auf dem Trockenen und wartet auf die Flut. Sie ist ziemlich sauer. Die Tiere werden auch unruhig. Die Einhörner haben angekündigt, dass sie auf keinen Fall länger warten werden und die Greife haben das Schiff bereits verlassen.“
Urielle hört nur mit halbem Ohr hin, sie kramt in ihren Unterlagen und sucht die Stelle mit der Sintflut heraus. „Ah“, murmelt sie, „tatsächlich.“ Wie hatte sie das nur vergessen können? Daran sind nur Raphaela und ihr merkwürdiger Job schuld! Sie schiebt das Heilsarmee-Bild gewaltsam zur Seite und sucht tief in ihrem Inneren nach Inspiration, um das Werk angemessen, aber vor allem zügig, zu beenden. Wo war sie stehen geblieben? Ah, ja, also dann.
Und SIE sprach: Denn von nun an über sieben Tage will ICH regnen lassen auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte und vertilgen von dem Erdboden alles, was nicht Pink ist, nicht glitzert, nicht süß aussieht und schmeckt oder MIR rechtzeitig meinen Pfefferminztee bringt.
Urielle schüttelt den Kopf und sieht Michaela an. „Was soll das überhaupt?“, fragt sie. „Warum will SIE den Blauen überfluten?“
„Damit er ganz blau ist. SIE meinte, IHR gingen die unregelmäßigen Flecken auf die Nerven.“
„Das ist doch ein Scherz?“ Urielle legt die Feder zurück in die Schale und schiebt ihre Brille hoch. Dann schüttelt sie den Kopf und sagt: „Schon gut, vergiss es, das war eine dämliche Frage.“ Sie atmet tief ein und aus und setzt die Feder an. Augen zu und durch.
Und Noah tat, was SIE ihr geheißen (zumindest fast). Sie brachte von allen Tieren ein paar auf die Arche und wartete auf die angekündigte Flut.
Urielle reibt sich über die Stirn. „Ich kann das nicht schreiben“, sagt sie. „Unmöglich. SIE spinnt doch!“
Michaela gießt eine Tasse Pfefferminztee ein und nickt resigniert. „Dass SIE spinnt, ist ja nun nichts Neues.“ Sie stellt den Tee und Zucker auf das Tablett und seufzt. „Ich muss erst mal. SIE wartet sicher schon.“

SIE sitzt in IHREM Ohrensessel. Die Kurbel quietscht lauter als gewöhnlich und Michaela lauscht einen Augenblick, bis sie feststellt, dass SIE etwas summt, das wohl eine Melodie sein soll.
Sie stellt das Tablett auf dem kleinen Tisch ab, schenkt den Tee ein und rührt drei Stück Zucker hinein. SIE dreht und quietscht und summt und beachtet die Teetasse nicht, die Michaela IHR hinhält. „DEIN Tee“, sagt sie deshalb.
„Pssst!“, zischt SIE und dreht und summt konzentriert weiter.
Michaela seufzt. Sie registriert das irre Funkeln in IHREN Augen und fragt sich, wie lange es wohl noch dauern wird, bis SIE gänzlich durchdreht. Oder nicht mehr dreht, was in IHREM speziellen Fall wohl zutreffender ist.
Michaela stellt die Teetasse auf das Tablett zurück. Und immer noch summt SIE und zuckt irgendwie spastisch mit dem Kopf. „Jetzt!“, kreischt SIE. Summen. „Jetzt, Michaela, guck doch!“ Summmmmmm. „Da, ich schaffe es!“ Summsummmmm.
Michaela sieht nach oben. SIE stoppt abrupt die Kurbel, dreht kurz in die entgegengesetzte Richtung und dann wieder andersherum. SIE summt jetzt noch angestrengter. Die braunen Flecken auf dem Blauen werden plötzlich komplett von blauen Schlieren überzogen, die sich aber gleich darauf wieder in die ursprüngliche Lage zurückziehen. Der Blaue ist immer noch blau-braun-gefleckt. SIE hört auf zu summen und sagt: „Scheiße!“ Dann hört SIE auf zu drehen und stürzt IHREN Pfefferminztee hinunter. „Warum ist Urielle immer noch nicht fertig? Warum ist der Blaue immer noch nicht blau?“
Michaela zuckt mit den Schultern und SIE dreht die Kurbel. IHREN Blick auf IHRE Häschen-Hausschuhe gerichtet. SIE wackelt mit den Füßen und singt leise „Blau, blau, blau, sind alle meine Farben“ vor sich hin.
Michaela nimmt das Tablett und zieht sich leise zurück. Die Ohren der Häschen wackeln und SIE kichert. Zumindest summt SIE nicht mehr.

Urielle starrt auf das unvollendete Werk und seufzt. Sie hasst es, unvollendete Werke zu hinterlassen und sinnt auf einen Kompromiss, der sie zufriedenstellen würde und den SIE nicht als solchen erkennt. Sintflut geht gar nicht, soviel steht fest.
Das Telefon klingelt und sie steckt sich die Finger in die Ohren, um den Inspirationsfindungsvorgang nicht zu unterbrechen. Sintflut, Springflut, Armut, Hartmut, Tutut. Die Muse will einfach nicht wie sie soll. Genialität ist eine schwere Bürde und Musen sind fiese, launische Geschöpfe, die direkt aus dem Höllenschlund gekrochen kommen, zu dem einen und einzigen Zweck, Urielles Genie zu untergraben und den schöpferischen Prozess zu behindern.
Sie rückt ihre Brille gerade und krempelt die Ärmel auf. Dann eben mit dem Holzhammer!
SIE überlegte es sich anders und die angekündigte Sintflut blieb aus. Die Tiere kehrten zurück in ihre Heimat, nur die Einhörner waren so sauer, dass sie sich von diesem Tag an nicht mehr blicken ließen und tief in die verwunschenen Wälder zurückzogen. Noah dankte IHR für IHRE unermessliche Güte und …
Urielle kaut sinnend auf der Feder. Was macht Noah eigentlich, wenn sie keine Arche baut?
Das Telefon klingelt. Schon wieder. Wie soll man bei diesen nervenzerrenden Unterbrechungen klare Gedanken fassen?
Zum Glück kommt Michaela in die Küche und nimmt den Hörer ab. Sie nickt, schüttelt den Kopf, nickt wieder, sieht Urielle an und zieht theatralisch die Augenbrauen hoch. „Hmhm“, sagt sie dann und „Moment!“ Sie hält den Hörer zu und zieht die Augenbrauen noch ein Stück höher. „Das ist Noah. Möchtest du dich vielleicht zu dem Thema Sintflut äußern?“
Urielle verschränkt die Arme vor der Brust und lehnt sich zurück, was ihr hoffentlich einen entspannten und selbstsicheren Ausdruck verleiht. „Die Sintflut wurde gecancelt“, sagt sie knapp.
Noahs Stimme dringt, durch Michaelas Finger hindurch, verzerrt aus dem Hörer. Michaela stöhnt, nickt Urielle aber zu. „Okay“, sagt sie, atmet tief ein und legt den Hörer wieder ans Ohr. „Noah, es gab da eine Planänderung … Jetzt hör doch erst mal … Nein, SIE wird nicht … Auf keinen Fall, aber du könntest doch …“ Michaela holt tief Luft und schreit: „Halt die Klappe!“ Stille. Keine Gekreische mehr vom anderen Ende der Leitung. Gut. „Also: Ich werde jetzt Raphaela anrufen und sie wird dir einen neuen Job besorgen. Was? … Ja, sicher mit besseren Konditionen, das ist doch … Und Urlaub … Ja, Weihnachtsgeld auch … Überstrapaziere meine Geduld nicht! Ich melde mich dann … Natürlich!“
Sie knallt den Hörer auf, nimmt ihn wieder ab, dreht die Kurbel und wartet. „Raphaela, bitte“, sagt sie und wartet wieder, wiegt den Kopf und summt eine Melodie mit. „Hallo, Raphaela? Michaela, ja. Ich brauche deine Hilfe … Nein, ich möchte meinen Look nicht … Nein, keine … Was für Problemzonen? Ich habe keine … Jetzt halt bitte mal die Luft an! Ich schicke dir Noah vorbei. Sie braucht einen sicheren Job mit garantierten Sozialleistungen … Nein, die Sintflut wurde gecancelt … Ja, okay, bis später.“
Der Hörer knallt auf die Gabel. Abnehmen, Kurbel drehen, warten. „Noah, Klappe halten und zuhören! Du hast einen Termin bei Raphaela. Jobcenter, Höllenschlund 6, in fünfzehn Minuten. Tschüss!“
Sie legt auf und lehnt sich an die Arbeitsplatte. Ihre Wangen sind gerötet und sie verdreht die Augen. „Ich hasse diesen Telefonapparat“, sagt sie.
Urielle sagt: „Ha! Meine Rede.“ Dabei kommen ihr glitzernde Visionen in den Sinn, die nach Weihrauch und Würsten duften und sie zieht sich tief in ihren Geist zurück. Versonnen greift sie zur Feder und beginnt ein neues Meisterwerk, das so voller Friede und Freude ist, dass es ihr Tränen der Rührung in die Augen treibt.
Michaela sieht Urielle zu. Ihr Gesichtsausdruck erinnert sie erschreckend an IHREN Gesichtsausdruck, als SIE verzückt die wackelnden Häschenohren betrachtete, und sie macht sich doch ein wenig Sorgen. „Urielle?“, fragt sie. „Alles okay?“
Urielle ist so mit ihrem Genie verschmolzen, dass sie alles um sich herum vergessen hat. „Kerzenschimmer“, murmelt sie. „Oh ja!“
Michaela schüttelt den Kopf und holt das Mehl aus dem Schrank. Sie verspürt das dringende Bedürfnis, eine Tätigkeit auszuüben, die eindeutig belegt, dass sie nicht durchgedreht ist und was wäre da angebrachter, als noch ein Blech Plätzchen zu backen? Zimtsterne. Oder doch Kokosmakronen? Auf jeden Fall müssen die Plätzchen normal aussehen. Klare, wohlproportionierte Formen und unauffällige Farben. Braun ist gut, vielleicht eine Glasur? Nein, eine Glasur könnte falsch verstanden werden. Besser auch keine Zuckerstreusel.
Urielles Feder kratzt über das Pergament und Michaela gibt die Zutaten in die große Schüssel. Beide sind in ihren eigenen Welten gefangen, selbstvergessen, ganz Konzentration. Keine von beiden registriert das ungewöhnliche Scharren und Rumpeln, das aus dem Kamin in IHR Zimmer dringt und keine hört den langgezogenen Schrei, das Poltern und IHR Gekreische. Erst als die Küchentür an die Wand schlägt und ein rotgekleideter, bärtiger, fetter Mann in die Küche stürzt sehen die Beiden auf.
Michaela hebt abwehrend den Kochlöffel (wobei etwas Teig auf die Fliesen tropft), Urielle hebt angriffslustig die Feder. Der fette Mann zupft sich ein paar Hustenbonbons aus dem Bart, legt einen IHRER Häschen-Hausschuhe auf den Tisch und sagt: „Hohoho. SIE spinnt doch!“
Urielle und Michaela kneifen die Augen zusammen, starren den Mann an und sagen: „Noah?“
Noah sagt „Ach so“ und nimmt den Bart ab, in dem immer noch hartnäckig einige Bonbons kleben.
Urielle schiebt ihre Brille hoch und legt die Feder in die Schale. „Okay“, sagt sie und reibt sich die Schläfen. „Ich bin nicht sicher, ob ich es wissen will.“
„Aber ich will es wissen!“ Michaela fuchtelt mit dem Kochlöffel herum und bespritzt die Küchenschränke mit Plätzchenteig. „Warum trägst du einen Bart, diesen Bauch und diese Klamotten? Was machst du mit IHREM Hausschuh? Und was machst du überhaupt hier?“
„Ach so“, sagt Noah noch einmal, zieht den Bart wieder an, breitet die Arme aus, holt tief Luft und beginnt zu singen:
„Vom Höllenschlund da komm ich her,
ich bring euch gute-he neue Mär,
und Werbegeschenke bring ich viel,
weil Luzi eure Se-he-le will.“
Noah dreht sich einmal ungrazil um die eigene Achse und deutet mit einer übertriebenen Geste auf den Jutesack, den sie zu ihren Füßen abgestellt hat. Urielles Brille rutscht auf die Nasenspitze. Sie schiebt sie nicht zurück. Michaela betrachtet das rote Horn, das unter Noahs verrutschter Mütze hervorlugt und sagt: „Äh.“
Nach einigem Kramen in dem braunen Sack zieht Noah zwei in rotes Geschenkpapier gewickelte Päckchen hervor und legt sie auf den Küchentisch. „So, Feierabend“, sagt sie und setzt sich. „Könnte ich vielleicht ein Bier bekommen? Meine Kehle ist vom vielen Singen ganz ausgedörrt!“
Michaela stellt ihr wortlos eine Tasse Pfefferminztee hin und setzt sich neben Urielle. „Also“, sagt sie streng, „was genau soll das alles?“
Noah nippt an ihrem Tee und verzieht das Gesicht. „Werbemaßnahmen“, sagt sie dann. „Luzi hat sich entschlossen, ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Ich bin dafür zuständig, die Werbegeschenke zu verteilen. Flächendeckend! Ich könnt euch nicht vorstellen, was für ein riesiges Gebiet ich alleine zu bewältigen habe. Aber die Bezahlung ist gut. Und ich habe einen niegelnagelneuen Firmenwagen mit zwölf Rentierstärken!“ Sie deutet auf die Päckchen. „Macht doch mal auf!“
Urielle zuckt mir den Schultern. Ist nun auch egal. Sie wickelt das Geschenkpapier ab.
Michaela sieht ihr skeptisch dabei zu und Noah plappert munter weiter: „Auf dem Blauen, das war allerdings etwas merkwürdig. Es schien fast so, als hätten mich die Leute erwartet. Fast alle Häuser waren mit kitschigen Lichterketten geschmückt, dazu überall schmalzige Musik und Kerzengedöns und so.“
Urielle hält inne, sieht auf ihr neues Werk und schiebt unauffällig ein leeres Blatt auf das Geschriebene, bevor sie das Päckchen endgültig öffnet. „Ah“, sagt sie.
Michaela saugt die Luft durch die Zähne ein und sagt: „Oh.“
Noah trinkt den Tee aus und sagt: „Cool, was?“ Dann zieht sie Urielles Kreuzworträtsel heran und murmelt: „Mittelamerikanisches Land mit sechs Buchstaben. Hm. Ah, na klar!“ Sie greift sich Urielles Feder und schreibt: PÖMPEL


SIE kreischt nach Michaela und wackelt mit den Füßen, IHREN Blick auf IHREN verbliebenen Häschen-Hausschuh gerichtet. Die Häschenohren wackeln auch. SIE kichert. Die Welten zittern. Gelegentlich wanken sie, verlangsamen ihren Lauf und beschleunigen ihn wieder. Aber SIE dreht die Kurbel, wie SIE es schon immer tat. Dreht und dreht (und wackelt) und dreht.


Einen schönen Nikolaustag!

Freitag, 4. Dezember 2015

Ein Gratis-eBook zum Wochenende

Auf dem Blog war es ziemlich still in den letzten Monaten. Susanne ertrinkt in Arbeit und ich brauchte dringend eine Pause vom Schreiben und allem was dazu gehört. 

Heute melde ich mich mit einem Geschenk zurück. Wer noch keinen Lesestoff fürs Wochenende hat, kann sich "Klänge von Schnee" gratis via Amazon herunterladen. 

Viel Spaß damit, ein schönes Wochenende und einen gemütlichen 2. Advent euch allen!

Simone

Donnerstag, 16. Juli 2015

Hildegard Twiford

Ich hatte schon einige neue Figuren im Kopf, denen Miyo im Lauf der Geschichte begegnen wird. Eine davon ist Hildegard Twiford. Bis jetzt wusste ich nicht viel mehr über sie, als dass sie Leiterin eines Waisenhauses ist.

Vorhin war mir zu heiß zum Denken und ich war müde, also kritzelte ich Miss Twifords Namen in mein Notizbuch, ohne groß darüber nachzudenken. Hätte ich geahnt, was sich daraus ergibt, ich hätte ihn etwas kleiner geschrieben.

Miss Twiford entwickelt sich gerade zu einer ziemlich interessanten Figur. Sie hatte keine gute Kindheit. Und sie ist kein guter Mensch geworden. Aber ist sie wirklich durch und durch böse?

Noch viel spannender erscheint mir aber die Frage: Können mechanische Menschen lieben? Nun, sie müssen es wohl können. Zumindest einer von ihnen. :)

Kapitel Eins

Donnerstag, 9. Juli 2015

Die Faszination unvollendeter Projekte

Das kennen wohl alle AutorInnen: Man beginnt ein Projekt, plant, plottet (oder wie auch immer man an seine Projekte herangeht), schreibt, hat viel Spaß dabei und dann kommt alles ganz anders. Das Leben, der Job, andere Projekte und notorischer Zeitmangel funken einem dazwischen und man muss zwangsläufig irgendetwas auf Eis legen, wenn man nicht burnoutet in der Klappse landen will. 

Aber Gedanken lassen sich nicht so einfach steuern und schon gar nicht ruhig stellen. Irgendwo im Hinterkopf brodeln alle vernachlässigten oder eingelagerten Projekte weiter vor sich hin. Die Figuren führen ihr eigenes Leben, werden möglicherweise älter, reifer, eigensinniger, manche sterben vielleicht sogar, aber eines tun sie niemals: Sich mit ihrem Dasein auf dem Abstellgleis zufrieden geben.

Und das ist auch gut so.

Vor einigen Tagen ist mir eine dieser zwangsbeurlaubten Geschichten wieder in die Hände gefallen. Und was soll ich sagen, etwas ganz besonderes passierte mir beim Lesen: Die Figuren erwachten in meinem Kopf zum Leben, als hätte es diese zweijährige Pause nie gegeben. 

Normalerweise liest man als Autorin seine eigenen Geschichten mit der Lektorinnenbrille auf der Nase, runzelt die Stirn bei manchen Sätzen, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen bei so einigen Entwicklungen, betätigt unheimlich unauffällig die Löschtaste bei so mancher Formulierung, die man damals, als man sie schrieb, natürlich für überaus genial hielt. ^^ 

Aber all das passierte mir dieses Mal nicht. Die Lektorinnenbrille blieb in der Schublade liegen und ich las die Geschichte mit Leserinnenaugen – einfach so, zum Spaß. Und was soll ich sagen? Ich hatte Spaß dabei. An einigen Stellen habe ich gelächelt, an anderen hatte ich Pipi in den Augen, ich hab mich neu verliebt, das Beste erhofft und das Schlimmste gefürchtet, und insgesamt fühlte es sich an wie nach Hause zu kommen. 

Dann habe ich mir ein neues Notizbuch geschnappt und einfach drauflosgekritzelt, alte Gedanken hervorgekramt und neue entstehen lassen, und werde nun mal schauen, wo sie mich und die Geschichte hinführen. Genügend Ideen haben sich auf jeden Fall angesammelt.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an den Blog, auf dem ich die Geschichte damals veröffentlicht habe. Ich bin nicht sicher, ob der Anfang so bleiben wird und wie es weitergeht, aber ich weiß ganz genau, dass es weitergeht. Denn solange eine Geschichte noch nicht beendet ist, werden die Figuren keine Ruhe geben – ganz egal, wie lange sie warten müssen. 

Sonntag, 10. Mai 2015

Ideen sind kleine Gnome mit pinkfarbenen Zipfelmützen, Vulkanierohren und penetranten Quietschstimmen

... aber manchmal sehen sie auch aus wie besoffene Einhörner oder Ulrike Renk.


Ideen sind kleine nervige Wichtige, die einem den Schlaf rauben. Sie sind der Grund dafür, wenn man auf dem Nachhauseweg falsch abbiegt und plötzlich an der Tankstelle steht, statt auf dem heimischen Parkplatz. Sie sind Schuld an der Tatsache, dass man auch nach dem dritten Zurückspulen und Ansehen des Filmendes keinen Schimmer hat, wie die beiden sich nun gekriegt haben. Sie sind dafür verantwortlich, wenn es Nudeln statt des geplanten Kartoffelauflaufs zu Essen gibt, weil man im Keller nicht mehr wusste, was man eigentlich holen wollte. Kurz: Ideen sind fiese kleine Arschlöcher. 

Nein. Ideen sind der Grundstein, aus dem Geschichten entstehen. Trotzdem sind sie nervig, ab und an gemein und selten sogar hässlich. Und manchmal sehen sie aus wie besoffene Einhörner, oder wie die Idee zu diesem Artikel: Die sieht aus wie meine 42er Kollegin Ulrike Renk. 

Ulli wird mir dafür verzeihen. Oder auch nicht. Auf jeden Fall ist die kleine Renk-Idee schuld an diesem Text.

Eben las ich Ullis Blogartikel über Ideenfindung und fragte mich, wie ich eigentlich meine Ideen finde und fand die Idee, einen Artikel über Ideenfindung zu schreiben. Was eigentlich auch schon die Essenz des Artikels ist. 

Viele Ideen entstehen klammheimlich in meinem multiplen Unterbewusstsein, aber viele schleichen sich auch von Außen in meinen Kopf ein und besetzen ihn. Dann rollen sie ihre Thermomatten zwischen den Synapsen aus, machen ein Lagerfeuer im Großhirn, nageln Familienfotos an den Balken; sie hängen Transparente aus den Fenstern zum Hof, auf denen sie bekannt geben: Dieses Gehirn wurde besetzt. Manche tanzen im Kleinhirn Cha-Cha-Cha, andere lesen sich Klassiker im Thalamus vor, ein besonders agiles Pärchen trieb es gar wild in der Zirbeldrüse. Wo sie ihre Notdurft verrichten habe ich bis jetzt nicht herausgefunden, aber manche Dinge möchten selbst Autorinnen nicht wissen. 

Und da sind sie nun, die kleinen penetranten Hirnbesetzer und freuen sich ihres Lebens. Als Autorin kann einem das manchmal etwas zu viel werden, wenn das Oberstübchen bis in die letzte Hirnwindung belegt ist, aber das ist unser Los, unser Schicksal, unsere Bürde. Und natürlich die Quelle, aus der Geschichten entstehen. 

Wo aber kommen sie her, die kleinen Ideengnome? Von überall und nirgendwo. Ideen sind Heimatlose, Tramps, Vagabunden, die aus Gemälden gepurzelt, aus Tönen entstanden, aus Buchseiten geflüchtet sind. Sie haben einfach noch kein passendes Zuhause gefunden und das Autorinnenhirn ist nur ein Übergangsplatz, an dem sie sich niederlassen, weil sie nicht wissen, wo sie sonst hin sollen. 

Ihren festen Wohnsitz finden sie in den Geschichten, die durch sie und mit ihnen entstehen. 

Leider kann ich nicht allen ein Heim bieten, manchmal passen wir einfach nicht zusammen. Wenn man sich gemeinsam einrichten will, braucht man einfach die gleiche Wellenlänge, gemeinsame Interessen, man muss miteinander reden und einander verstehen können. Wie das im Leben eben so ist. Dann ziehen einige der Wichte weiter, besetzen einen anderen Kopf, machen es sich dort gemütlich und wenn sie ganz viel Glück haben, finden sie endlich eine Heimat. 

Aber die, die bleiben, bilden den Grundstock für einen neuen Roman, eine Geschichte, einen Blogartikel. Die, die bleiben, sind der Grund, weswegen man die ganzen anderen, oft nervigen Ideengnome, wenn auch nur übergangsweise, beherbergt. Die, die bleiben, werden zu einem Teil von einem selbst, genau wie die Geschichten, die durch sie entstehen. 

Ideen sind potentielle Familienmitglieder, Geliebte, beste Freunde, und ich hoffe, sie hören nie auf Cha-Cha-Cha zu tanzen und bis spät in die Nacht am Lagerfeuer zu singen, auch wenn die Großhirnrinde dabei schon die eine oder andere leichte Verbrennung hinnehmen musste.

Montag, 27. April 2015

Kein Sex im Paradies: Extralange Leseprobe

1


Ich rollte die Zeitung zusammen und klopfte damit nervös auf die Tischkante. Unglaublich, dass diese Menschen sich immer wieder herausnahmen, über mich zu urteilen. Was wussten die schon von mir? Nichts. Rein gar nichts. Für diese Leute war ich nur eine reißerische Headline, ein Artikel, der die Verkaufszahlen in die Höhe trieb. Ein Objekt, das man benutzen konnte. Aber ich war ein Mensch, eine Frau mit Gefühlen, und auch nach dem x-ten sarkasmustriefenden Artikel musste ich mir eingestehen, dass die Worte des Reporters mich verletzten.
Ich trank den mittlerweile nur noch lauwarmen Kaffee aus, strich die Zeitung glatt und las den Artikel noch einmal.

Was macht die Heilige Johanna, wenn die Hormone durchdrehen? Betet sie die Dogmen ihrer Ratgeber herunter, oder greift sie womöglich doch zu dem einen oder anderen batteriebetriebenen Helferlein? Es wäre ihr zu gönnen und vielleicht würden ihre buchgewordenen Prüderien dann weniger verkniffen daherkommen.

Ich knüllte die Zeitung in meine Handtasche. Warum tat ich mir das immer wieder an? Warum ignorierte ich diese Schmierfinken nicht einfach?
No Sex! stand bereits zwei Wochen nach dem Erscheinungstermin auf Platz zwei der Bestsellerlisten, die Reaktionen meiner Leserinnen waren allesamt positiv. Nur die Geier der Boulevardzeitungen zerfledderten natürlich wieder mein Privatleben, anstatt auf den Inhalt des Buches einzugehen. Aber zeigten nicht gerade diese bösartigen Reaktionen, dass ich mich im Recht befand? Der freie Umgang mit Sexualität, die öffentliche Zurschaustellung von Nacktheit, der Verlust von Werten, all das hatte doch dazu geführt, dass diese sogenannten Journalisten überhaupt keine Grenzen mehr kannten. Jedes Mittel war ihnen recht, um mich der Lächerlichkeit preiszugeben, je niveauloser, desto besser. Titten und Ärsche verkaufen Zeitungen. Und wenn sich jemand weigert, bei dieser Sexomanie mitzumachen, wird er mit Dreck beworfen. Und genauso fühlte ich mich. Beschmutzt. Auch wenn ich wusste, dass ich über den Dingen stehen sollte.
Die Kellnerin räumte die leere Kaffeetasse ab. Ich bestellte einen weiteren Kaffee und ein Stück Apfelkuchen, warf einen Blick auf meine Armbanduhr und seufzte. Eva verspätete sich bereits um zwanzig Minuten. Das war nicht ungewöhnlich, ganz im Gegenteil, es hätte mich gewundert, wenn meine Freundin pünktlich aufgetaucht wäre. Aber es nervte mich trotzdem.
Das Café war nur spärlich besetzt. Einige Frauen, die sich angeregt unterhielten; eine gestresst aussehende Mutter mit zwei Kindern, denen es offenbar viel Freude bereitete mit ihren Schokoladenfingern Abdrücke auf der weißen Tischdecke zu hinterlassen; und zwei Teenager, die gerade riesige Eisbecher gebracht bekamen. Niemand beachtete mich, Leonie Haase - oder die Heilige Johanna, wie ein findiger Reporter mich getauft hatte, nachdem er meinen zweiten Vornamen herausgefunden hatte.
Ich war froh darüber, dass mich niemand erkannte. Gerade an diesem Tag war mir nicht nach Diskussionen über meine Bücher zumute. Selbst Autogrammwünsche von Fans hätte ich nicht ertragen können. Am liebsten wäre ich nach Hause gegangen, um mir die Bettdecke über den Kopf zu ziehen und mich dort bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag zu verkriechen.
Die Bedienung brachte Kaffee und Kuchen und die Glocken an der Eingangstür läuteten dezent. Ganz und gar nicht dezent schwebte Eva herein. Mit vom Shoppen geröteten Wangen und über und über mit Tüten beladen, bahnte sie sich ihren Weg zwischen den eng gestellten Tischen hindurch und ließ sich schnaufend auf den Stuhl mir gegenüber fallen.
Bevor sie mich begrüßte, überprüfte sie ihr Make-up in dem kleinen Taschenspiegel, den sie immer bei sich trug, und legte etwas Lippenstift nach. Offensichtlich war sie mit dem Ergebnis zufrieden, denn sie lächelte breit, als sie mir endlich Beachtung schenkte.
»Was für ein Tag«, seufzte sie und winkte der Kellnerin. Als die an den Tisch trat, bestellte sie zwei Gläser Sekt und zwinkerte der jungen Frau verschwörerisch zu. »Das haben wir uns verdient.«
Ich schüttelte kaum merklich den Kopf. »Nun«, sagte ich, »was gibt es denn zu feiern?«
Eva kramte in ihren Tüten herum und zog ein schwarzes Nichts heraus, mit dem sie unbefangen vor meinem Gesicht herumwedelte. »Ist das heiß? Tom werden die Augen aus dem Kopf fallen!«
»Darauf wette ich. Aber wenn du das … Ding nicht gleich wieder einpackst, werden auch den Jungs da hinten die Augen heraushüpfen und voraussichtlich direkt in deinen Ausschnitt.«
Eva warf den beiden etwa 14-jährigen Jungen eine Kusshand zu und lachte laut auf, als sie sich schnell abwandten und betont unauffällig in eine andere Richtung sahen. „Leonie, du bist und bleibst eine Spaßbremse.“
Die Kellnerin brachte den Sekt und Eva sah mich genauer an. »Was ist denn los? Du siehst aus, als wäre dir ein Nudistenverein über den Weg gelaufen.«
Ich zog die mittlerweile arg ramponierte Zeitung aus der Tasche und warf sie auf den Tisch.
„Ach, Leonie, waren wir uns nicht einig, dass du dieses Käseblatt nicht mehr lesen solltest?“ Sie überflog den Artikel und zerknüllte die Zeitung, ehe ich protestieren konnte. Dann schob sie mir ein Sektglas herüber und erhob ihres. „Also, vergiss den Käse. Worauf trinken wir?“
»Eva, mir ist nicht nach Feiern zumute. Ich bin nicht wie du.«
Eva ließ ihre Blicke über mein Gesicht wandern, die wachen grünen Augen, die etwas zu große Nase, den vollen Mund. Ich rutschte unbehaglich auf meinem Stuhl herum. Ich hatte es nie leiden können, wenn mich jemand so offensichtlich musterte. »Nein«, sagte sie. »Du bist nicht wie ich.« Sie legte ihre Hand auf meine. »Du bist etwas Besonderes. Lass dich nicht von dem Gewäsch dieses Schmierfinken runterziehen. Also.« Sie erhob ihr Glas. »Wir trinken auf das Besondere. Auf dich, auf mich, und auf das, was ich heute Abend alles tun werde, in diesem wahnsinnig scharfen Fummel.«
Ich lachte auf und stieß mit Eva an. »Du bist unmöglich!«
»Allerdings«, fuhr Eva nach einer Weile fort, in der wir beide beobachtet hatten, wie die gestresste Mutter mit ihren lärmenden Kindern das Café verließ. »Und ich bin es gern. Aber was ist mit dir?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Was soll mit mir sein? Das neue Buch läuft gut und ich sitze bereits am nächsten.«
»Du weißt genau, was ich meine. Du bist jetzt schon so lange allein … Sehnst du dich nicht manchmal nach Zärtlichkeit? Nach Sex? Das ist doch die natürlichste Sache …«
„Eva. Nicht schon wieder. Ich habe wirklich die Nase voll davon, dass sich anscheinend jeder um meinen Hormonhaushalt sorgt.“ Ich stürzte den Rest des Sekts herunter und schlug das Glas etwas zu fest auf den Tisch. »Ich bin glücklich!«
»Okay.« Eva verkniff sich ein Grinsen. »Das klingt ja sehr überzeugend. Aber trotzdem. Was machst du, wenn du geil bist?«
»Eva!« Unsicher sah ich mich im Lokal um, doch anscheinend hatte niemand unserem Gespräch gelauscht. »Musst du immer so vulgär werden, wenn du über Sexualität redest? Es gibt doch wirklich noch anderes im Leben. Ich habe meine Arbeit, eine schöne Wohnung, ich habe weder Zeit noch Lust auf so was.«
»Auf so was«, wiederholte Eva. »Das klingt, als wäre Sex eine ansteckende Krankheit, die einem peinlich sein muss.«
»Nein, Sex muss einem nicht peinlich sein, solange er in einer gefestigten Beziehung geschieht. Ich sehe einfach keinen Sinn darin, mein ausgefülltes Leben mit einem Mann zu komplizieren, solange ich keinen gefunden habe, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen werde.«
»Das klingt fast, als glaubtest du mittlerweile selbst an die Ratschläge der Heiligen Johanna. Mädchen, sagt auf keinen Fall ja, bevor er ja gesagt hat. Oder wie lautete der Titel?«
»So verkehrt sind die Ratschläge doch auch nicht.« Ich schwieg, bis Eva bei der Kellnerin neuen Sekt geordert hatte. Was war denn so falsch daran, auf eine legalisierte Beziehung zu setzen? Werte wie Treue und Beständigkeit in den Fokus zu rücken, anstatt sich dem Erstbesten an den Hals zu werfen? »Ja«, sagte ich, nachdem wir angestoßen und einen Schluck getrunken hatten. »Ja, ich denke, dass die Prinzipien, für die die Heilige Johanna eintritt, die richtigen sind.«
Lautstark pustete Eva den Atem aus. »Und ich denke, du brauchst dringend Urlaub. Zum Glück hast du ja mich. Wenigstens eine, die an etwas anderes denkt als nur an ihre Arbeit. Ich freue mich schon auf die drei Wochen Beautyfarm und ich bin froh, dass du mitkommst.«
Ich war nicht begeistert gewesen von dem Gedanken, mich drei Wochen lang verschönern zu lassen, aber Eva war meine älteste Freundin, deshalb hatte ich zugesagt. Und etwas Sonne konnte mir sicher nicht schaden. »Ich freue mich auch«, sagte ich. »Aber ich muss vorher noch meinen Verleger anrufen und packen, also sollte ich langsam los.«
Eva sah auf die Uhr über dem Tresen. »Du hast recht, es wird Zeit. Ich muss noch beim Feinkosthändler vorbei und das Abschiedsessen vorbereiten. Und mich natürlich auch. Schließlich muss Tom zwei Wochen ohne mich auskommen, da hat er eine Abschiedsfeier verdient.« Sie blinzelte mir zu und leckte sich anzüglich über die Lippen.
»Eva Biel, wirst du je erwachsen werden?«
»Ich hoffe nicht! In der Beziehung ergänzen wir uns ja prächtig, nicht wahr? Aber jetzt muss ich mich wirklich beeilen.« Eva warf einen Geldschein auf den Tisch und rauschte davon.
Ich sah ihr nach und schüttelte wieder den Kopf. Eva rauschte durchs Leben wir ein Orkan. Sie nahm sich was und wen sie wollte und schien sich dabei so gut zu fühlen, wie es nur möglich war. Aber war sie glücklich?
Ich zog die Jacke an und schloss langsam die Knöpfe. Glücklich. War ich denn wirklich glücklich? Natürlich liebte ich meine Arbeit über alles. Das Schreiben war genau das, was ich immer hatte machen wollen, wenn auch die Themen nicht ganz die waren, die ich mir während des Studiums vorgestellt hatte, aber reichte das aus? Brauchte ich wirklich nichts anderes? Keinen Menschen an meiner Seite, zu dem ich nach Hause kommen konnte. Keinen Mann, der mich … Ich schüttelte energisch den Kopf. Das war nur Evas Einfluss. Und dieser Zeitungsartikel. Beides zusammen an einem Tag, war einfach zu viel für mich.
Ich würde jetzt nach Hause gehen, packen und vielleicht noch ein wenig an meinem neuen Manuskript arbeiten und keinen Gedanken mehr an das Geschreibe dieses Schmierfinken verschwenden.


2


Ich schloss den Koffer und goss mir ein zweites Glas Rotwein ein. Es war bereits kurz vor Mitternacht, ich hatte keine Lust mehr, an meinem neuen Buch zu arbeiten, ich kam sowieso nicht weiter damit.
Ich war in diese Sache damals hineingeschlittert und nun hatte ich manchmal das Gefühl, darin gefangen zu sein.
Während des Studiums hatte ich ein Volontariat bei einer Boulevardzeitung angefangen. Ich sah mich schon mit dem Pulitzerpreis in die Kameras lächeln, wurde aber in die Ratgeberecke gesteckt, wo ich Fragen beantworten musste, die sich um nichts weiter drehten als Männer, Liebe, Sex und Männer. Irgendwann hatte ich die Nase voll und riet den verzweifelten Frauen, die Idioten nicht mehr ranzulassen, bevor sie zumindest ihre Absichten erklärt hatten. Und, oh Wunder, die Ratschläge kamen an. Mehr noch, die Ratschläge kamen so gut an, dass ich bald eine eigene Kolumne bekam. Am Ende meines Studiums hatte ich bereits den ersten Buchvertrag in der Tasche und propagierte Enthaltsamkeit vor der Ehe im großen Stil.
Eva amüsierte sich köstlich, natürlich in erster Linie deshalb, weil sie über meine nicht gerade sehr enthaltsame Beziehung zu Christoper Bescheid wusste. Christopher. Ich trank einen Schluck Wein und spülte den Kloß in meinem Hals hinunter. Ich wollte nicht an ihn denken. Ich wollte nie wieder an ihn denken, aber wie macht man so etwas? Wie denkt man bewusst an etwas vorbei? Das war für mich genauso unmöglich, wie das Geschmiere der Reporter zu vergessen. Für die Regenbogenpresse waren meine Bücher und natürlich auch ich ein gefundenes Fressen.
Immer noch spukte mir dieser Zeitungsartikel im Kopf herum. Warum ärgerten mich die Worte des Reporters nur so? Ich sollte über solchen Anfeindungen stehen. »Batteriebetriebene Helferlein«, murmelte ich. »Vollidiot!«
Ich ging zum Kleiderschrank und durchstöberte meine Sachen, ob ich nicht doch etwas vergessen hatte. Dann zog ich einen Schuhkarton aus dem obersten Fach und strich über den Pappdeckel. Er war mit Bildern aus Zeitschriften beklebt und ich hatte ihn mit Herzchen verziert. Gott, war das lange her!
Den Karton unter den Arm geklemmt, schnappte ich mir mein Glas und die halb leere Flasche und ging ins Wohnzimmer. Ich schaltete die Stereoanlange ein und legte eine CD ein. Im Schneidersitz setzte ich mich auf den Boden und begann den Inhalt des Kartons vor mir auszubreiten.
Die rosa und weiß schimmernden Perlen des Armbands glitten kühl und vertraut durch meine Finger. Natürlich waren sie nicht echt, aber für mich waren sie wertvoller, als es echte Perlen je sein könnten. Ein ganzes Jahr lang hatte ich das Armband Tag und Nacht getragen. Ich legte es neben den Karton. Eintrittskarten für Kino und Museen kamen zum Vorschein, mein alter Studentenausweis. Ich lachte laut auf. Das Bild wäre etwas für die Presseleute!
Ich drehte die Musik lauter, summte die Melodie mit, während ich das Bündel Briefe an meine Nase drückte. Noch immer strömten sie einen Hauch Moschusduft aus. War das möglich, nach so langer Zeit, oder spielte mir das Unterbewusstsein einen Streich? Aber das war unwichtig, für mich würden die Briefe immer nach Moschus duften. Die Erinnerungen waren so deutlich, als wäre es erst gestern gewesen, dass Christopher mich an sich gezogen und zum Abschied geküsst hatte. Die Trennung sollte nur vorübergehend sein, bis ich das Studium beendet hatte, dann wollten wir für immer zusammen bleiben.
Er war der Mann gewesen, mit dem ich alt werden wollte. Er war so zielstrebig gewesen, hatte genau gewusst, was er wollte. Vom Leben, von der Liebe. Und er wollte mich genauso sehr wie ich ihn.
Ich schloss die Augen und sah Christophers Gesicht, seine blauen Augen, das verschmitzte Lächeln, hörte seine Stimme so deutlich, als flüsterte er mir genau in diesem Augenblick zärtliche Worte ins Ohr.
Als er mich das erste Mal geliebt hatte, war es gewesen, als stürzte ich in einen Traum aus Farben und weichen Formen. Der Rest der Welt verblasste, nur noch wir beide existierten, in einem strömenden Bunt, das mich einsaugte wie ein Strudel.
Große Güte. Selbst in meinen Gedanken hörte ich mich schon an wie in meinen Büchern. Schluss damit, Leonie Haase, dreh nicht durch! Ich warf Eintrittskarten und Briefe in den Karton zurück, verschloss ihn und stopfte ihn zurück in den Schrank.
Es war vorbei. Und es würde niemals wieder so sein. Christopher war tot. Zwei Wochen lang hatte ich auf einen Brief gewartet, einen Anruf, auf ein Zeichen, dass er noch an mich dachte. Dann schrieb mir seine Schwester von dem Unfall.
Meine Hände zitterten, als ich nach dem Weinglas griff. War das alles, was für den Rest meines Lebens reichen musste? Die Erinnerung an eine Liebe, die so stark war, dass sie nie verblassen würde?
Die CD war abgelaufen. Es war still in der Wohnung. Wer hätte auch Geräusche verursachen sollen? Ich war allein und würde es wahrscheinlich immer sein.
Die Publikationen der Heiligen Johanna standen aufgereiht in einem Bücherregal. Ich nahm eine davon heraus und blätterte darin. Glaubte ich wirklich mittlerweile an die ganzen Theorien, die ich darin verbreitete? Kein Sex vor der Ehe, Enthaltsamkeit, als Voraussetzung für ein moralisches Leben? Oder waren das nur Ausflüchte, um mir nicht eingestehen zu müssen, dass ich einsam war?
Energisch schüttelte ich den Kopf und knallte das Buch ins Regal zurück.
Was brachte es, über Dinge zu grübeln, die ich doch nicht ändern konnte? Die Männer wahrten einen Sicherheitsabstand zu mir, den ich nicht einmal hätte überwinden können, wenn ich einen olympiareifen Spurt hinlegte - und ich war nie besonders sportlich gewesen. Aber wer hätte ihnen das verdenken können? Wer wagte sich schon an eine Heilige heran, die ein metaphorisches Messer auf seinen Penis richtet?
Hastig zog ich mich aus, schlüpfte unter die Decke und löschte das Licht.
Am nächsten Tag würde ich in den Urlaub fliegen. Ausspannen, an nichts denken, keine Arbeit, keine Reporter. Keine Heilige Johanna. Nur ich und Eva und karibische Sonne.

3


Eva stellte die Tüten mit den Lebensmitteln in der Küche ab und legte den Champagner ins Eisfach. Die Austern richtete sie auf einer Platte im Eisbett an. Der Selleriesalat war eine gute Wahl gewesen und die gepfefferten Erdbeeren sahen köstlich aus.
Als alles hergerichtet und der Tisch gedeckt war, ging sie ins Schlafzimmer, um sich um die Nachspeise zu kümmern. Sie betrachtete das schwarze Negligé. Das kleine Nichts hatte ein Vermögen gekostet, aber das war es ihr wert. Wenn Tom darauf nicht ansprang, war sie am Ende mit ihrem Latein.
Sie setzte sich aufs Bett und seufzte. Alles lief gut. Tom war seit Kurzem Juniorpartner in der Kanzlei, sie hatte alle Annehmlichkeiten, die sie sich wünschen konnte. Ihr Ehemann war natürlich sehr eingespannt, aber er bemühte sich, sie nicht allzu viel allein zu lassen, war zuvorkommend, großzügig, er liebte sie, das konnte sie in seinen Blicken sehen. Nur im Bett lief es seit einigen Monaten nicht mehr so gut.
Was machte sie nur falsch? Sie überraschte ihn in ausgesuchten Dessous, gab sich alle Mühe, begehrenswert zu sein. Sie besuchte seit zwei Wochen sogar einen Zumbakurs, obwohl sie das Rumgehüpfe hasste.
Sie zog das Negligé über und bürstete sich die Haare. Dann hielt sie inne. Fand er sie nicht mehr attraktiv? Oder hatte er eine Geliebte? Die Bürste landete scheppernd zwischen Parfumflakons und Lippenstiften auf der Frisierkommode. »Ruhig Eva«, sagte sie. »Das ist Blödsinn und das weißt du.« Tom würde sie nie betrügen. Jeder andere, aber nicht Tom.
Sie zog den Lidstrich nach und straffte die Haut neben den Augen mit den Fingern. Falten. Sie bekam Falten. »Schluss jetzt!«, rief sie sich selbst zur Raison. Sie drehte sich vor dem großen Ankleidespiegel und fand, dass sie sich mit ihren 32 Jahren nicht zu verstecken brauchte.
Sie streifte einen seidenen Morgenrock über und ging nach unten. Nachdem sie romantische Musik aufgelegt hatte, zündete sie die Kerzen an und dimmte das Licht. Die Atmosphäre war perfekt. Das würde ein wundervoller Abend werden und eine unvergessliche Nacht.
Eine  Dreiviertelstunde später entschloss sie sich, den Champagner zu öffnen. Ihre Zuversicht war ins Wanken geraten. Er verspätete sich. Das war natürlich nicht ungewöhnlich, aber es nagte an ihrem Selbstvertrauen, dass er nicht anrief. Sie wechselte die CD. Als sie endlich die Haustüre hörte, war die Champagnerflasche zur Hälfte geleert und Eva schon ein wenig beschwipst.
Sie begrüßte ihren Mann mit einem Lächeln und trug das Essen auf. Mit keinem Wort erwähnte sie seine Verspätung. Er sah sie merkwürdig an. Natürlich war ihm ihr Aufzug nicht entgangen, aber seine Reaktion war nicht die, die sie erwartet hatte. Aber was hatte sie erwartet? Dass er ihr die Kleider vom Leib riss und sie auf den Boden war? Oder an die Wand presste, die Hände auf ihren Brüsten, die Lippen an ihrem Hals … Das war dumm, Eva. Sehr dumm. Sie schüttelte leicht den Kopf.
»Wie sind die Austern?«, fragte sie.
»Köstlich.« Er trank einen Schluck und räusperte sich. »Entschuldige die Verspätung, aber Kaiser hat einen neuen Mandanten an Land gezogen.« Er zuckte entschuldigend mit den Schultern und schob seinen Teller zur Seite. Dann warf er einen Blick in ihr Dekolleté, widmete sich aber gleich wieder dem Champagner, bevor er auch das Glas zur Seite schob und aufstand.
Auch Eva erhob sich und ging um den Tisch herum. Sie lehnte sich an die Tischplatte und strich über Toms Schultern. Dann öffnete sie den Morgenrock ein wenig. »Was hältst du von einem Dessert?«
Er atmete tief ein und aus. »Eva«, sagte er und sah ihr in die Augen. »Was ist denn in letzter Zeit nur los mit dir? Ich erkenne dich nicht mehr wieder.«
Sie schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. Die letzte Chance. Verpasst. Er begehrte sie einfach nicht mehr. »Mit mir? Du fragst mich, was mit mir los ist?«, sagte sie trotzig und verschränkte die Arme vor der Brust.
Tom schüttelte wieder den Kopf. Es hatte den Anschein, als wolle er noch etwas sagen, aber nach einigen Sekunden drehte er sich um und ging nach oben. Sie sah noch, wie er die Krawatte abnahm, dann verschwand er im Bad. Kurz darauf hörte sie die Schlafzimmertür zufallen.
»Das wars dann also, Eva Biel«, flüsterte sie. »Er hat eine andere.« Was sollte sie jetzt machen? So tun, als wäre nichts, wie es tausende anderer Ehefrauen taten? Schweigen, hinnehmen, sein Geld verprassen? Sie wischte eine Träne weg, die langsam über ihre Wange lief. »Oh nein, Tom Biel. So nicht. Nicht mit mir.«
Sie nahm ihr Smartphone aus der Handtasche und rief die Seite des Reisebüros auf. Beautyfarm. Was war das nur für eine schwachsinnige Idee gewesen? Wozu sollte sie sich noch aufbrezeln? Und für wen?
Bei ihrer Suche nach einem geeigneten Reiseziel war sie auf eine Bungalowanlage gestoßen, die wundervoll ausgesehen hatte. Und das, nun ja, sehr spezielle Angebot wäre doch genau das Richtige für sie. Ah, da war die Angebotsseite ja. Garten Eden.
Sollte Adam doch hier verrotten, seine Eva würde sich im Paradies vergnügen. Sie wählte zwei Luxusbungalows aus. Bevor sie auf bestätigen klickte, zögerte sie einen Moment. Tat sie das Richtige? Wie viele Versuche waren schon gescheitert? Wie viel Geld hatte sie schon für unnütze Dessous ausgegeben? Einen Yogakurs, Zumba. Zumba! Sie schüttelte den Kopf. Und ob sie das Richtige tat! Genau das brauchte sie jetzt. Und Leonie konnte es auch nicht schaden, einmal aus ihrer Nonnenkluft zu schlüpfen. Sie bestätigte die Buchung. Die Stornierung der Beautyfarm konnte sie immer noch vornehmen, und falls das nicht mehr möglich sein sollte, war es auch egal. Wenn Tom sich lieber außer Haus vergnügte, war es ihr gutes Recht, dasselbe für sich einzufordern.
Sie schenkte sich den Rest des Champagners ein, setzte sich an den Tisch und legte die Füße auf einen Stuhl. An Schlaf war sowieso nicht zu denken, sie konnte jetzt nicht neben ihm liegen, seinen Atem hören, und wissen, dass er von einer anderen träumte.
Sie las noch einmal die Beschreibung der Anlage und sah sich die Bilder an. »Garten Eden«, wiederholte sie und seufzte. Tom hatte ihr auch einmal das Paradies versprochen, und lange Zeit hatten sie darin gelebt. Was war nur mit ihnen passiert? Sie trank das Glas aus und legte sich auf die Couch. Die wenigen Stunden bis zur Abreise konnte sie auch hier verbringen. Und ab Morgen würde sich ihr Leben wieder zum Guten wenden. Wenn sie schon nicht glücklich sein konnte, wollte sie wenigstens Spaß haben.


4


Es war heiß. Unglaublich heiß. Ich hätte mich auf die zwei Wochen Ruhe freuen sollen, auf Cocktails am Pool, darauf, einfach mal abzuschalten, aber alles, woran ich denken konnte, war, dass die Hitze meinen Notvorrat an Mozartkugel zu ungenießbaren Klumpen schmelzen würde.
Meine Bluse klebte mir am Rücken und die riesige Sonnenbrille, die ich am Flughafen gekauft hatte, rutschte mir von der Nase.
Eva sah aus, als käme sie gerade aus dem Schönheitssalon, auf dem Weg zu einem Shooting für eine Werbekampagne für Beautyprodukte. 45 Grad, die Frisur sitzt. »Wie bitte?« Mir wurde peinlich bewusst, dass ich meine Freundin angestarrt hatte und dass sie und der Fahrer mich ebenfalls anstarrten.
»Möchtest du nicht wenigstens dieses unsägliche Kopftuch abnehmen?«, wiederholte sie die Frage, die sie offenbar schon einmal gestellt hatte. »Du siehst aus wie eine chinesische Putzfrau auf dem Weg zur Arbeit.«
Ich bezweifelte, dass Eva je einer chinesischen Putzfrau begegnet war, selbst ihrer eigenen ging sie aus dem Weg, soweit das möglich war. »Du weißt, dass das nötig ist«, antwortete ich. »Seit dieser … Arsch es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, jeden meiner Schritte in seinem Käseblatt zu kommentieren und auszuschlachten. Ich habe wirklich keine Lust auf neue Schlagzeilen, die die Frage aufwerfen, für wen sich die Heilige Johanna womöglich hübsch machen will.«
Zu meiner Überraschung verkniff sich Eva eine bissige Antwort. Sie zuckte die Schultern und deutete auf die Limousine, die uns zu unserem Ziel bringen würde. Eine Beautyfarm. Ich seufzte. Ich hätte hinter meinem Schreibtisch sitzen und an meinem Buch arbeiten sollen. Ich hatte den Abgabetermin schon zwei Mal verschieben müssen, weil ich einfach nicht weiterkam. Warum nur ließ ich mich immer wieder von Eva zu Verrücktheiten überreden? Ich musste wohl selbst verrückt sein. »Beautyfarm«, sagte ich. »Was soll die Bezeichnung überhaupt bedeuten? Bin ich vielleicht eine Kuh?« Ich fluchte leise vor mich hin, als ich in den Wagen stieg. Dann nahm ich endlich das Kopftuch ab und strich mir eine verschwitzte Strähne aus der Stirn. »Wenn die Farmer mich so sehen, werden sie mich gleich zur Schlachtbank führen.«
Eva verdrehte die Augen und ließ sich neben mir in den Sitz fallen. »Ist das nicht fantastisch?« Sie schenkte mir ein Glas von dem Champagner ein, der in einem Eiskühler bereitstand, und nahm sich selbst eines. »Das werden die großartigsten Wochen unseres Lebens werden.«
Ich schüttelte den Kopf. »Wie kann man nur so versessen darauf sein, den sowieso perfekten Körper in Schlammbäder zu tauchen und sich Gurkenscheiben aufs Gesicht legen zu lassen?«
»Schätzchen.« Eva klopfte mütterlich wissend auf mein Knie. »Wir werden nicht jünger und, glaub mir, irgendwann wirst du mir dankbar sein, dass ich dich mitgeschleppt habe.« Sie lächelte. Aber ihre Augen lächelten nicht mit.
»Was ist denn los, Eva?« Ich trank einen Schluck. Der Champagner war gut gekühlt und ich entspannte mich ein wenig. »Ist etwas mit Tom? Hat er irgendetwas gesagt oder getan …«
»Bitte.« Sie hob abwehrend die Hand. »Lass uns nicht über Tom reden. Wir sind im Paradies und wollen unseren Spaß haben. Tom ist weit weg.« Sie schenkte sich nach und sah aus dem getönten Seitenfenster. »Sieh doch nur!«, rief sie plötzlich.
Ich folgte ihrem Blick. Das Meer glitzerte wie Millionen Juwelen. Am Strand warfen Palmen Schatten auf den weißen Sand. Es sah aus wie auf einer Postkarte. Eva hatte wirklich nicht zu viel versprochen und ich hatte kein Recht, ihr den Urlaub zu vermiesen, schließlich war ich freiwillig mitgekommen. »Wunderschön«, sagte ich. Dann hob ich mein Glas. »Auf unseren Urlaub und auf zwei Wochen Entspannung.« Meinetwegen auch auf die ganzen Kühe, die sich in Schlamm baden lassen, dachte ich, verkniff mir aber die Bemerkung.
Zwanzig Minuten später standen wir an der Rezeption der Anlage. Ein riesiger zur Terrasse hin offener Raum voller exotischer Pflanzen und Marmor, sogar ein Springbrunnen befand sich darin. Die Hotelangestellten trugen dunkelblaue Shorts und ärmellose Hemden und sahen allesamt aus, als wären sie Statisten in einem Hollywoodfilm - durchtrainiert, durchgestylt und voller Energie, die man bei jeder ihrer Bewegungen spüren konnte. Nun ja, es wäre auch kein gutes Aushängeschild einer Schönheitsfabrik, wenn ihre Mitarbeiter aussähen, als würden sie regelmäßig in einer Fast-Food-Kette zu Mittag essen. Ich zupfte verlegen an meinem Kopftuch herum und wünschte, ich hätte wenigstens die bequemen, aber nicht gerade modischen Schuhe gegen etwas Ansehnliches getauscht.
Eva plauderte mit dem Rezeptionisten und ließ sich die Schlüssel zu unseren Bungalows aushändigen, als ein großer Mann auf uns zukam. Er trug einen hellen Anzug und lächelte. Der Produzent, dachte ich und verkniff mir ein Kichern.
»Herzlich willkommen im Paradies«, sagte er und deutete eine Verbeugung an. Er stellte sich als Manager des Hotels vor, Peter Groß. Er sprach den Namen Pieter aus, obwohl er Deutscher war und betonte, wie sehr er sich freue, Landsleute begrüßen zu dürfen. Ein Fatzke.
Eva reichte ihm geziert die Hand. »Wir freuen uns ebenfalls«, sagte sie, mit diesem Blick in den Augen, den sie immer aufsetzte, wenn ein männliches Wesen in der Nähe war.
Der Manager winkte zwei der Angestellten heran. »Maurice und Jesus werden Sie zu ihren Bungalows begleiten. Falls Sie Wünsche haben, scheuen Sie sich nicht, diese zu äußern. Im Garten Eden ist alles möglich, wie Sie sicher wissen.«
Ich nahm die riesige Sonnenbrille ab, das verdammte Ding rutsche sowieso immer von der Nase. Ich würde mir eine neue besorgen müssen.
Peter Groß sah mir kurz in die Augen, verneigte sich noch einmal und wünschte uns einen angenehmen Aufenthalt. »Die Arbeit wartet«, sagte er. »Sie wissen ja, was passieren kann, wenn man das Paradies nicht im Auge behält, verehrte Eva.« Er lächelte breit und ich fand ihn noch unangenehmer als beim ersten Eindruck.
Eva kicherte. »Geben Sie auf die Schlange acht«, sagte sie und der Manager blinzelte ihr zu.
»Was für ein Affe«, flüsterte ich, als er sich entfernt hatte.
Die Angestellten schnappten sich unsere Koffer und wir folgten ihnen durch die weitläufige Anlage. Ein riesiger Komplex, voller Pflanzen und verschlungener Wege. Die Gästebungalows lagen weitläufig verstreut und waren ebenfalls von Pflanzen umgeben, die einem das Gefühl geben mussten, allein zu sein. Das freute mich, so würde ich die Möglichkeit haben, unbehelligt zu arbeiten. Und ich könnte endlich diese verdammte Verkleidung ablegen.


5


Peter Groß schloss die Bürotür und setzte sich an seinen Schreibtisch. Er klappte den Laptop auf und tippte Leonie Haase in die Google-Suche ein. Drei Sekunden später lehnte er sich lächelnd in seinem Stuhl zurück. Das war genau die Art von kostenloser Werbung, die ihm das Herz aufgehen ließ. Die Heilige Johanna im Garten Eden. Nach diesen Schlagzeilen würde sich die Anlage vor Besuchern nicht mehr retten können.
Er zog sein Smartphone aus der Innentasche seines Anzugs und suchte nach Stevens Nummer. Sein alter Bekannter hatte gerade eine Homestory über einen Unternehmer beendet, sein Rückflug ging erst am nächsten Abend, aber wenn er hörte, was Peter für ihn hatte, würde er den mit Sicherheit gern verschieben.
»Steven? Peter. Peter Groß aus dem Eden … Was hältst du von einem Schlummertrunk? Ich hätte da etwas für dich … Oh doch, das wirst du. Und du wirst mich lieben, wenn du es gehört hast … Sehr gut. Bis dann.«
Er warf das Smartphone auf den Schreibtisch und sah sich noch einmal die Bilder an. Kein Zweifel, die Heilige Johanna verbrachte ihren Urlaub in einem Sex-Club. Er lachte laut auf. Das Schicksal meinte es gut mit ihm.


6


Eva hängte die Kleider in den Schrank und schloss die Tür. Wie immer hatte sie viel zu viel eingepackt, aber sie würde sicher viele Gelegenheiten haben, die Sachen an- und womöglich wieder auszuziehen. Sie betrachtete das riesige Bett, das mitten im Schlafzimmer stand. Was machte sie hier eigentlich? Das war doch total wahnsinnig. Wenn Leonie herausbekam, wo sie sich befanden, würde sie ihr den Hals umdrehen. Aber das Problem würde sie lösen, wenn es soweit war, im Moment waren ihre Gedanken bei Tom. Immer drehte sich alles um Tom. Wie sie sich anzog, was sie zu essen zubereitete, wohin sie ausgingen, alles war auf ihn ausgerichtet. Selbst ihre jüngste Sportbegeisterung galt ihm. Für sich selbst würde sie das alles nicht auf sich nehmen. Zumba! Sie knallte die Schranktür zu.
Dann ging sie ins Wohnzimmer, setzte sich an den Schreibtisch und öffnete ihr Notebook. Sie würde Tom eine Mail schreiben. Aber was sollte sie ihm sagen? Ich liebe dich, verlass mich nicht? Geh zum Teufel? Er hatte sie verletzt, aber das würde sie nicht zugeben. Diese Genugtuung sollte er nicht bekommen. Er liebte sie nicht mehr, er begehrte sie nicht mehr, nun, damit musste sie leben. Aber sie würde nicht das Mäuschen spielen, auf keinen Fall!
Nervös stand sie auf und ging im Zimmer auf und ab. Was also sollte sie ihm sagen? Ihr Blick fiel auf die gutbestückte Bar und sie entschloss sich, erst einmal einen Schluck zu trinken. Champagner beflügelt die Gedanken.
Mit dem Glas in der Hand kehrte sie an den Schreibtisch zurück und starrte auf die leere, geöffnete Mail. Sie würde nicht bitten und betteln, sie würde sich nicht klein machen. Er sollte leiden, wie sie litt. Er hatte sie verletzt und gedemütigt. Womöglich lag er gerade in den Armen einer anderen Frau und sie lachten gemeinsam über sie. Eine junge Frau mit straffen Schenkeln, die es nicht nötig hatte, zu Karnevals-Rhythmen durch die Gegend zu hüpfen und sich lächerlich zu machen. Nach ein paar Schlucken Champagner sprudelten die Wörter wie die Bläschen in ihrem Glas.

Lieber Tom,
wir sind in der Anlage angekommen, es ist fantastisch hier. Die Angestellten sind mehr als zuvorkommend und ich kann mich kaum entscheiden, mit welchem der exquisiten, jungen Männer ich den Abend verbringen werde.
Herzliche Grüße
Eva
PS.: Ach, ich vergaß ganz zu erwähnen, dass ich die Reise umgebucht habe. Wir sind im Paradies. 

Dazu kopierte sie noch den Link zur Website der Ferienanlage und schickte die Mail ab, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Etwas mulmig war ihr schon dabei, aber da musste sie jetzt darüber stehen. Und wer weiß, vielleicht würde seine Reaktion ganz anders ausfallen, als erwartet?
Sie legte sich auf die Couch und sah dem Deckenventilator dabei zu, wie er seine Runden drehte. Vielleicht würde Tom sie anflehen zurückzukommen. Vor ihrem geistigen Auge, sah sie ihn ein Flugzeug chartern und zu ihr fliegen. Er würde in die Anlage stürmen, ihren Namen rufen. Womöglich schlug er sogar einen der Männer nieder, bevor er sie in seine Arme … Das unverkennbare Pling kündigte eine E-Mail an. Eva setzte sich auf. Ihre Hand zittert ein wenig, als sie den Champagner austrank und zum Schreibtisch ging, um die Nachricht zu lesen.

Liebe Eva,
Du hast recht, die Anlage sieht paradiesisch aus. Ich wünsche dir viel Vergnügen. Genieße den Urlaub und gönn dir, was du brauchst.
Tom

Sie las die wenigen Sätze wieder und wieder und schluckte die Tränen hinunter. Dieser Mistkerl! Hatte er womöglich gar nicht kapiert, wo genau sie sich befand? Nein, das konnte nicht sein. Wenn er die Website angesehen hatte, musste ihm das klar gewesen sein. Aber hatte er den Link angeklickt? Sie trommelte mit den Fingernägeln auf der Tischplatte. Der Mistkerl verdarb ihr die Rache, nicht einmal das gönnte er ihr.
Wütend tippte sie ein paar Zeilen:

Lieber Tom,
genieße die Zeit ohne mich, auch ich werde die Zeit ohne dich genießen. Ich habe mich an …

Sie schüttelte den Kopf und löschte die Zeilen. Nein, die Genugtuung würde sie ihm nicht geben. Natürlich wusste er, wo sie sich befand. Die Anspielung auf das Paradies und »gönn dir, was du brauchst« waren typisch für ihn. Er wusste genau, wovon sie gesprochen hatte.
Sie klappte das Notebook zu und starrte auf ihre Fingernägel. Eine Träne tropfte auf den Computer, sie wischte sie nicht weg. Das wars dann also. Aber sie würde nicht hier sitzen bleiben und heulen. Sie würde sich etwas gönnen, und wie sie das tun würde. Es gab genug Männer auf der Welt, die ihre Qualitäten zu schätzen wissen würden. Und einen davon würde sie sich gleich heute Abend suchen. Schließlich war das hier das Paradies und sie war Eva.


7


Nachdem ich mich in meinem Bungalow eingerichtet hatte, versuchte ich ein wenig zu arbeiten, kam aber natürlich nicht weiter. Ich biss mir an meinem Manuskript buchstäblich die Zähne aus. Um ehrlich zu sein, interessierte mich selbst die Wohnzimmereinrichtung meines Feriendomizils mehr, als die Frage, ob Männer und Frauen befreundet sein können, wenn sie vereinbaren, sexuelle Themen aus ihren Gesprächen auszuklammern, oder ob die gewollte Vermeidung das Gegenteil bewirkt.
Seufzend klappte ich den Laptop zu und sah auf die Uhr. Mir blieb noch Zeit für eine Dusche, dann musste ich mich sowieso auf den Weg machen, wenn ich Eva nicht warten lassen wollte. Obwohl davon auszugehen war, dass sie das mit mir tat.
Als ich an der Poolbar ankam, saß Eva bereits auf einem der Barhocker und starrte ein gelbes Cocktail-Schirmchen an, das sie zwischen den Fingern drehte.
»Rechnest du heute noch mit Regen?«
Sie sah fragend auf und ich deutete auf das Schirmchen. »Regen«, wiederholte ich. Dann winkte ich ab und setzte mich neben meine Freundin an die Bar. Evas Gehirn kämpfte offenbar noch mit dem Jetlag, dabei wollte ich nicht stören.
Der Barkeeper fragte nach meinen Wünschen. Ich bestellte einen Cosmopolitan, obwohl ich eigentlich keinen Wodka mag, aber Eva erinnerte mich an diesem Abend irgendwie an Carrie Bradshaw, so wie sie in ihren Drink starrte, den Blick auf etwas gerichtet, das nur sie in ihren Gedanken sehen konnte. Mr. Bigs Hintern. Oder seinen Vornamen.
»Also«, sagte ich nach einigen Minuten. »Nun erzähl schon, was los ist. Ohne Grund starrst du doch keine Löcher in das Sonnenschirmchen.«
Sie zuckte die Schultern und trank einen großen Schluck. Erst jetzt fiel mir ihr leicht derangierter Blick auf, der daraufhinwies, dass sie schon einige Cocktails lang an der Bar saß.
»Ich wurde ausrangiert«, sagte sie dann. »Beiseitegeräumt, für unfickbar befunden.«
»Eva!« Ich sah kurz zum Barkeeper, der aber weiter die Gläser polierte. »Wovon redest du, um Himmels willen?« Wenn es ein Wort gab, das in Evas Wortschatz nicht vorkam, dann war das unfickbar. Seit wir uns kannten, drehten sich ihre Gedanken um Sex, und nicht nur ihre Gedanken. Wir waren so unterschiedlich wie Granatäpfel und ein Nudelholz. Welches Symbol für welche Freundin steht, brauche ich wohl nicht zu erklären.
Wir lernten uns auf der Uni kennen. Ich studierte Politikwissenschaften und wollte noch zwei Semester Soziologie anhängen. Ich wollte Journalistin bei einem großen Politikmagazin werden. Eva studierte unsere Kommilitonen. Sie hatte sich vorgenommen, sich den besten Junggesellen zu angeln, den die Universität zu bieten hatte und sie hat ihr Vorhaben mit Bravour abgeschlossen. Meine Karriere verlief etwas anders als geplant.
»Weißt du eigentlich«, sagte Eva, »wie gut du es hast? Du brauchst dir keine Gedanken über den Umfang deines Hintern zu machen, du kannst in Jogginghosen zum Einkaufen gehen, du kannst deine verdammten Mozartkugeln in dich reinstopfen, bis du platzt!«
Ich sah sie ungläubig an. Das waren ja ganz neue Töne. Normalerweise hielt sie mir Vorträge darüber, dass ich mit 40 vertrocknet sein würde, wenn ich weiterhin wie eine Nonne lebte. Irgendetwas musste passiert sein. Ich legte meine Hand auf ihre. »Eva«, sagte ich. »Ist etwas mit Tom? Habt ihr Probleme?«
Sie kramte ihren Taschenspiegel aus der Handtasche und zog sich die Lippen nach. »Wir sind fertig«, sagte sie und klappte den Spiegel geräuschvoll zu. »Allerdings werde ich nicht als Nonne enden, das kannst du mir glauben.«
Ich glaubte ihr jedes Wort, verstand aber kein einziges davon. »Habt ihr Schluss gemacht? Hat er eine Andere? Ist die Kanzlei abgebrannt?«
Sie atmete tief durch. »Tom hält mich für eine alte, fette, abgetakelte Fregatte und er kann es nicht mehr ertragen, diesen faltigen ausgemergelten Körper zu berühren.«
Ich starrte Eva entgeistert an. Eine kastanienbraune Mähne umrahmte das schmale Gesicht, das ein wenig an Scarlett Johansson erinnerte. In den Augen hatte sie allerdings ein trotziges Liz-Taylor-Funkeln. Im tiefen Ausschnitt ihres Kleides konnte man den Ansatz von perfekten Brüsten sehen, die, wie ich sicher wusste, gottgegeben waren. Eva war der Albtraum aller Frauen und der Traum aller Männer. »Das hat Tom gesagt?«, fragte ich. »Wortwörtlich?«
Ich schüttete den Cosmopolitan herunter, verzog das Gesicht und bestellte einen Whisky. Darauf hatte mich der Gedanke an Liz Taylor in Telefon Butterfiel 8 gebracht. Seit ich den Film in der neunten Klasse gesehen hatte, hatte ich nur einmal so verrucht sein wollen wie Liz in der Anfangsszene des Films, als sie sich die Zähne mit Whisky putzt. Jetzt war ich 31 und benutzte immer noch Zahncreme und Wasser.
»Nicht wörtlich«, sagte Eva. »Aber er hat es so gemeint.«
»Du spinnst«, sagte ich. »Tom betet dich an.« Auf seine etwas steife Anwaltsart, fügte ich in Gedanken hinzu. Tom war der perfekte Ehemann, er war genau das, was Eva gesucht hatte. Ehrgeizig, reich und großzügig.
»Was weißt xxduyy denn schon von Männern?« Sie zog die linke Augenbraue hoch, was ihr einen hochmütigen Ausdruck verlieh, der einen geradezu herausforderte, sie zu hassen.
Ich kannte Eva lange genug, um zu wissen, dass das eins ihrer Schutzschilder war. Wenn sie sich hinter diesen aufgesetzten Hochmut zurückzog, dann war sie wirklich tief verletzt. »Eva«, versuchte ich einen weiteren Vorstoß, »ich bin mir sicher, dass das ein Missverständnis ist. Rede mit ihm, dann wird sich das alles aufklären.«
»Da gibt es nichts mehr zu reden«, sagte sie. »Zwei Monate, eine Woche, drei Tage.«
»Bitte?«
»So lang hat er mich schon nicht mehr berührt.« Sie winkte dem Barkeeper und deutete auf ihr leeres Glas. Dann ignorierte sie mich und widmete sich ihrem neuen Schirmchen.
Langsam füllte sich die Bar, auch um den Pool herum saßen Gäste und plauderten. Mir fiel auf, wie unterschiedlich die Paarungen waren. Zwei Barhocker weiter saß eine blonde Frau unseres Alters mit zwei jungen Begleitern. Einer sah aus wie ein Skandinavier, der andere schien ein Einheimischer zu sein. Beide trugen dunkle Hosen und helle Hemden und plauderten angeregt mit der Blonden.
Am Pool fiel mir ein Mann auf, der mit einem Pärchen redete. Auch die drei wirkten zusammengewürfelt und so, als hätten sie sich gerade erst kennengelernt. Dem Gefühl widersprach aber die Vertrautheit, mit der sie beim Reden auf Tuchfühlung gingen. Als der Mann, der dauernd die Hand der jungen Frau gehalten hatte, den anderen Mann vertraulich an der Schulter berührte, wurde ich stutzig. Das war eindeutig keine kumpelhafte Geste, so wie er mit dem Daumen über den Nacken strich.
»Eva«, sagte ich. »Sind dir die Pärchen aufgefallen?«
»Welche meinst du?«
Ich zuckte die Schultern und sah mich noch einmal um. »Alle. Sie dich doch mal um.«
Eva warf einen flüchtigen Blick in die Runde. »Ich weiß nicht, was du meinst. Die Leute sind im Urlaub und haben Spaß. Spaß«, wiederholte sie. »Und sie haben recht damit.«
Sie winkte den Barkeeper heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der nickte und griff zum Telefon. Eva schlug die Beine übereinander, wippte mit dem Fuß zur Musik und sah ostentativ an mir und den Pärchen um uns herum vorbei. Sie hatte sich auf ihre Insel aus Unnahbarkeit zurückgezogen und verströmte die Aura einer balinesischen Göttin.
Wäre ich religiös gewesen, ich hätte die Götter angefleht, mich zu erlösen. Wäre ich doch nur zu Hause geblieben.
Fünf Minuten später kam einer der Angestellten, die unsere Koffer getragen hatten, auf mich zu. Maurice. Er trug jetzt eine lange dunkle Hose und ein hellblaues Hemd. Ich warf einen Blick auf die Begleiter der Blonden neben uns. War das etwa Arbeitskleidung? Maurice schnappte sich meine Hand und küsste meine Fingerspitzen. »Guten Abend«, sagte er.
Ich zog meine Hand zurück und schnappte nach Luft. »Entschuldigen Sie mal, was …«
»Leonie, nicht doch«, mischte Eva sich ein. »Maurice hat sich ein wenig verlaufen, glaube ich.« Sie grinste mich an.
Maurice presste die flache Hand auf seine breite Brust. »Es tut mir leid«, sagte er in perfektem Deutsch. Dann wandte er sich Eva zu, entschuldigte sich noch einmal und presste dabei ihre Handfläche an seine Brust.
»Ich glaube, mir wird übel.« Ich sprang vom Barhocker und packte Evas freies Handgelenk. »Würdest du bitte? Einen Moment?«
Sie ließ sich widerwillig mitziehen. »Bitte? Was kann ich für dich tun, Leonie?«
»Bist du total übergeschnappt?«, zischte ich. »Was ziehst du denn für eine Nummer ab?«
»Ich mache Urlaub«, sagte sie. »Und ich werde meinen Spaß haben. Dazu brauche ich Tom nicht.«
»So einfach wirfst du deine Ehe weg?« Ich konnte das einfach nicht glauben.
Das Trio vom Pool zog sich zurück. Die Männer hatten beide je einen Arm um die Frau gelegt und lachten. »Was ist das hier überhaupt für ein Laden, Eva? Das ist doch keine Schönheitsfarm. Ich glaube, du schuldest mir eine Erklärung!« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und tippte ungeduldig mit dem rechten Fuß, auch wenn ich mir dabei albern vorkam und mir bewusst war, dass uns schon einige Leute anstarrten. »Also?«
Eva hob die Schultern, warf einen Blick zur Bar. Zu Maurice. Um das zu bestätigen, brauchte ich keine Sichtüberprüfung. »Nun ja«, sagte sie. »Ich habe den Urlaub kurzentschlossen umgebucht. Wozu auf eine Schönheitsfarm fahren, wenn der eigene Mann sowieso nicht mehr interessiert ist? Wozu etwas aufbrezeln, das das Verfallsdatum längst überschritten hat?« Sie sah mich an und wartete auf eine Reaktion.
Ich starrte ihr in die Augen. »Eva. Wo - genau - sind - wir - hier?« Sie setzte zur Antwort an, aber ich winkte ab. »Moment«, sagte ich. »Lass mich die Frage präzisieren: Welche Art Club ist der Garten Eden?«
»Vergnügen«, sagte sie leise. »Der Garten Eden ist ein Vergnügungs-Club.«
Mein Herz pochte in meinen Ohren. »Du hast mich in einen Sex-Club geschleppt?«, schrie ich. »Ist dir eigentlich klar … Nein, offensichtlich ist dir gar nichts klar. Das kann doch nicht wahr sein!« Ich breitete verzweifelt die Arme aus und schlug dann die Hände vors Gesicht. »Ein Sex-Club«, murmelte ich. »Sie schleppt mich in einen Sex-Club.«
»Leonie, es tut mir wirklich leid. Ich dachte …«
»Nein, das tut es nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Es tut dir nicht im geringsten leid. Und hättest du auch nur eine Sekunde lang nachgedacht, wäre dir klar gewesen, was das für mich bedeutet. Welche Konsequenzen das nach sich ziehen könnte.«
Eva nahm meine Hand, aber ich schüttelte sie ab. »Vergiss es«, sagte ich. »Geh, vergnüg dich, leb in den Tag hinein, träum dich aus der Realität. Aber ich«, ich pikste ihr aufgebracht den Finger in die Schulter, »ich lebe in der Realität. Und in der Realität hat jede Handlung eine Konsequenz. Ich hoffe, du bist dir bewusst, dass auch du die Konsequenzen deiner Handlungen tragen musst. Ich wünsche dir viel Vergnügen.« Und so ließ ich sie stehen und stapfte mit ausladenden Schritten, die ganz bestimmt nicht damenhaft wirkten, zu meinem Bungalow zurück.


8


Steven Sinclair wartete an der Rezeption auf Peter Groß. Er kannte den Manager noch aus seiner Zeit in Deutschland. Damals hatte er noch für die Zeitung seines Vaters gearbeitet und Peter Groß ein Hotel in Berlin geleitet, in dem er regelmäßig abgestiegen war. Ein unangenehmer Mensch, aber nützlich, wenn es darum ging, Informationen zu bekommen.
Er fragte sich, was Groß wohl von ihm wollte. Uneigennützig würde sein Anliegen ganz sicher nicht sein. Aber wenn es eine Story war, die sich gut verkaufen ließ, war es das wert. Er sah auf seine Uhr. Groß verspätete sich. Wenn er in fünf Minuten nicht auftauchte, würde er gehen - Story hin oder her. Diese ganzen Berichte über reiche Fatzken und ihre Frauen, deren ganzer Lebensinhalt es war, wie Barbie auszusehen, waren sowieso nicht das, was er sich unter journalistischer Arbeit vorstellte. Aber er brauchte das Geld. Lisas Anwalt saß ihm im Nacken. Das Haus hatte er ihr gegeben, den Wagen, das Barvermögen. Nur, um die Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.
Er verstand immer noch nicht, wie es passieren konnte, dass er sich in diese Frau verliebt hatte. Sie war wunderschön, sicherlich, sie hatte Humor, wenn auch mit Sarkasmus gespickt, aber sie war auch selbstverliebt. Das hatte er zu Anfang amüsant gefunden, er hatte sogar geglaubt, sie würde diese Selbstverliebtheit nur aufsetzen, um ihr empfindsames Inneres zu schützen. Steven lachte auf. Wie dumm und blind er doch gewesen war.
»Steven!« Groß kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. »Entschuldige. Geschäfte. Lass uns auf die Terrasse gehen und einen Schluck trinken.«
Steven bestellte ein Guinness und nickte dem Manager zu. »Also. Was hast du für mich?«
Groß zog sein Smartphone aus der Jackentasche, suchte einen Moment und hielt Steven dann das Foto einer jungen Frau vor die Nase. Sie trug einen dunklen Blazer, eine hochgeschlossene Bluse, das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, ungeschminkt - alles in allem eine unscheinbare Erscheinung, die so gar nicht ins Beuteschema der Magazine passte, für die Peter im Augenblick schrieb. Aber sie war hübsch, auf eine ungekünstelte Art. Er zuckte die Schultern und trank einen Schluck Bier.
»Erkennst du sie nicht?«, fragte Groß. »Vielleicht hilft dir das auf die Sprünge.« Er zeigte ihm ein anderes Bild, auf dem die Frau, von Reportern umringt, ein Buch in die Kamera hielt.
»Peter, bitte, ich bin wirklich nicht zu Ratespielchen aufgelegt.« Dann stutzte er, als er den Buchtitel las. No Sex! »Moment«, sagte er. »Ich erinnere mich. Die Publikation hat einigen Staub aufgewirbelt. Wie war das noch … Johanna. Die Heilige Johanna, Verfechterin des Zölibats.« Er sah Groß abwartend an. Das konnte tatsächlich interessant werden.
Groß lehnte sich entspannt in seinem Korbsessel zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Dabei grinste er wie ein Trüffelschwein. »Nun rate mal, wo die Heilige Johanna ihren Urlaub verbringt.«
Steven verschluckte sich an seinem Guinness und hustete. »Das ist nicht dein Ernst!«
»Noch nie war mir etwas ernster. Was hältst du davon, wenn du …«
Steven bedeutete ihm mit dem Zeigefinger, zu warten, während er die Nummer seines Fotografen suchte. Hoffentlich hatte er noch nicht ausgecheckt. »Hallo«, sagte er als Robert sich meldete. »Hast du Verpflichtungen oder wäre eine Verlängerung des Urlaubs drin? … Sehr gut. Dann pack deine Tasche und lass mein Gepäck herbringen … Garten Eden …« Er lachte, als er Rosie buchstäblich in die Luft springen hörte. »Genau der. Wir sehen uns, bis dann.« Er nickte Groß zu. »Wir nehmen zwei Einzelzimmer. Es ist am besten, wenn wir direkt vor Ort sind.«
»Pragmatisch wie immer«, sagte Groß. »Ich habe euch bereits zwei Bungalows reserviert. Lass dir die Schlüssel an der Rezeption aushändigen.« Er schrieb etwas auf eine Serviette und schob sie zu Steven. »Die Nummer ihres Bungalows. Du und dein Fotograf seid Gäste des Hotels, mit allen Vorzügen. Ich verlasse mich darauf, dass die Anlage im Gegenzug hübsch in Szene gesetzt wird.« Er stand auf und verneigte sich. »Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt im Garten Eden. Mich ruft die Pflicht. Trink noch etwas, der schottische Whisky ist vorzüglich.«
Steven sah dem Manager nach und bestellte ein weiteres Guinness. Aus der Story würde einiges herauszuholen sein. Und vielleicht würde es ausreichen, um Lisa und ihren schmierigen Anwalt endgültig vom Hals zu bekommen. Dann wäre er frei. Endlich wieder frei.


9


So wütend war ich das letzte Mal gewesen, als dieser Schmierfink mich zum ersten Mal Heilige Johanna genannt hatte. Was dachte sich Eva nur bei so etwas? Ihr musste doch klar gewesen sein, dass sie mit dieser Eskapade meine Karriere zerstören könnte. Nicht auszudenken, wenn herauskam, dass die Heilige Johanna ihren Urlaub in einem Sex-Club verbrachte. Ein Sex-Club! Ich fluchte leise vor mich hin. Mein Verleger würde mich umbringen.
Wenn ich an die Schlagzeilen dachte, wurde mir übel. Zum Glück war ich so weitsichtig gewesen, mich hinter der dunklen Brille und dem Kopftuch zu verstecken. Es war recht unwahrscheinlich, dass mich jemand erkannt hatte. Meine Leserinnen dürften ihren Urlaub sicher anders verbringen. Jetzt musste ich gegen meinen Willen lachen. Und ob die ihren Urlaub anders verbringen würden.
Ich blieb stehen und atmete tief durch. In meiner Rage war ich blindlings davongestürmt und hatte nicht auf den Weg geachtet. Ich versuchte mich zu orientieren und stellte fest, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich mich befand. Na großartig. Jetzt stand ich also zwischen Grünzeug und spärlichem Laternenlicht inmitten einer Sex-Anlage und wusste nicht, wo ich hinmusste.
Ich hatte keine große Lust, zurück zur Poolbar zu gehen, also lief ich einfach weiter. Irgendwann musste ich an eine Abzweigung gelangen. Oder an einen Bungalow, die ja alle nummeriert waren, so dass ich abschätzen konnte, in welcher Richtung ich meinen finden konnte.
Als ich den ersten Bungalow sah, ging ich auf die Eingangstür zu, um die Hausnummer lesen zu können. Mir war dabei etwas flau im Magen, ich kam mir vor wie eine Einbrecherin. Wenn mich jemand beobachtete, würde er mich womöglich für eine Spannerin halten. Wusste der Geier, was die Bewohner des Häuschens gerade trieben!
Ich schlich weiter und las das Schild neben der Tür: Nummer 285. Wenn sich mein Orientierungssinn nicht vollständig verabschiedet hatte, war ich gar nicht so falsch. Ich musste nur dem Weg weiterhin folgen, dann würde ich irgendwo eine Abzweigung finden und wäre schon fast zu Hause. So hoffte ich jedenfalls.
Die Fenster des Hauses waren erleuchtet und ich doch ziemlich neugierig. Was trieben die Leute in einem solchen Urlaub? Spielten sie Szenen aus ihren geheimsten Träumen nach? Trugen sie Kostüme? Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt, aber ich ging zu dem großen Fenster neben dem Eingang, duckte mich darunter hinweg und lugte von der Seite her ins Wohnzimmer. Und war ein wenig enttäuscht. Ein Mann saß gemütlich in einem Sessel, ein Bein hatte er lässig über die Armlehne gelegt. Moment. Da stimmte etwas nicht, das Bein zeigte in die falsche Richtung, das war anatomisch gar nicht möglich. Bevor ich den Gedanken wirklich zu Ende gedacht hatte, verschränkten sich Hände hinter dem Nacken des Mannes und eine Frau, die offenbar rücklings nach hinten gebeugt auf seinem Schoss gesessen hatte zog sich hoch und sah mich direkt an. Grundgütiger!
Ich stolperte rückwärts, verhedderte mich in irgendwelchen Büschen, landete auf meinem Hintern, rappelte mich wieder auf und lief wie von Furien gehetzt zum Weg zurück. Zumindest dachte ich das. In meiner Panik war ich in die falsche Richtung gesprintet, verhedderte mich noch einmal in Gestrüpp, und stürzte mitten in einen verdammt stachligen Busch, der mich mit seinen dürren Zweigen festhielt, als wäre er eine extra aus diesem Grund dort platzierte Falle.
Ich kämpfte mit den Ästen. Sie zerrissen meine Bluse, rissen mir das Kopftuch herunter und zerstachen meine Beine, bis ich endlich wieder frei war. Stolpernd und keuchend fand ich den Weg wieder, überprüfte mit einem Blick über die Schulter, ob mich womöglich ein wütender Feriengast verfolgte, und prallte mit voller Wucht gegen einen Mann.
Er packte mich an den Schultern und verhinderte somit, dass ich erneut auf dem Hintern landete. »Langsam«, sagte er lachend.
Langsam drehte ich mich um und sah spöttisch nach oben gezogene Augenbrauen, eine markante Nase, volle Lippen, ein energisches Kinn, das eine Rasur vertragen konnte. Scheiße, scheiße, scheiße. Das war alles, was mir in diesem Augenblick durch den Kopf ging.
Ich musste wohl keinen besonders intelligenten Eindruck gemacht haben, denn er zog die Augenbrauen noch ein wenig höher. »Geht es Ihnen gut?«, fragte er.
»Ja«, stammelte ich. »Ja, alles gut.« Ich räusperte mich. »Mir geht es gut, danke. Ich war nur …« Ich deutete in eine unbestimmte Richtung. »Ich hatte nur … Eine Spinne. Eine riesige Spinne.« Im Geiste ohrfeigte ich mich. Leonie Haase, halt die Klappe, halt einfach die Klappe.
Der Mann nickte langsam. »Böse Viecher«, sagte er. »Gut, dass Sie Reißaus genommen haben, die können hier bis zu zwei Meter groß werden.« Er breitete die Arme aus und nickte. Dann berührte er meine Haare und ich zuckte zurück. Das Kopftuch, verdammter Mist! Ich tastete nach der Brille. Die war natürlich auch in den Büschen liegen geblieben. Als er seine Hand zurückzog drehte er einen Zweig samt Blättern zwischen den Fingern. Ich wollte im Boden versinken, aber leider tun sich Abgründe niemals dann auf, wenn man sie braucht.
»Also«, sagte ich. »Ich werde dann mal … Sie ist ja nun weg. Die Spinne.« Oh Gott, bitte lass mich einen Herzschlag erleiden. Bitte.
Der Mann lachte. »Ich werde Ihren Rückzug sichern. Keins der Viecher wird Ihnen zu nahe kommen, versprochen.«
»Danke, das ist wirklich …« Veralberte der Kerl mich? Was für eine Frage. Aber das war nun auch egal. Ich drehte mich um und orientierte mich. Der Weg war richtig. Da entlang. Bloß nicht noch einmal umdrehen, geh einfach, Leonie, mach es nicht noch schlimmer.
»Warten Sie!«
Ich blieb stehen und seufzte ergeben. Mit wenigen schnellen Schritten hatte er mich eingeholt.
»Es gibt hier wirklich viele von den Biestern«, sagte er. »Sie sind praktisch überall. Ich würde Ihnen gerne meinen Schutz anbieten.«
Was war das denn jetzt? Versuchte der Kerl mich etwa anzumachen? Ich sah mir sein Gesicht genauer an. Er sah nicht aus wie einer der Angestellten der Anlage, dafür war er ein wenig zu alt. Und er wirkte auch eher wie ein Geschäftsmann. Nun, ein Geschäftsmann, dessen Rasierapparat kaputt gegangen war. Und ich musste zugeben, dass ich ihn ausgesprochen attraktiv fand. Nicht schön im eigentlichen Sinn, aber er hatte etwas an sich …
»Wie wäre es mit morgen?« Wieder die hochgezogenen Brauen.
Grundgütiger, ich hatte ihn angestarrt. Ich spürte das Blut in meine Wangen steigen und war dankbar für die schlechte Wegbeleuchtung. Bevor ich darüber nachgedacht hatte, sagte ich: »Morgen. Ja, gut.«
Er lächelte und um seine Augen bildeten sich kleine Fältchen, die ihn noch attraktiver werden ließen. Ich hüstelte, murmelte ein »Auf Wiedersehen, bis morgen also« und machte, dass ich wegkam.
»Um elf an der Poolbar?«, rief er mir nach und ich winkte zur Bestätigung über die Schulter.
Als ich meinen Bungalow endlich erreicht hatte, schloss ich die Tür und lehnte mich mit dem Rücken dagegen. Leonie Haase, du bist die trotteligste Frau, die jemals geboren wurde.
Dann fiel mein Blick in den Flurspiegel und ich wünschte mir, tot zu sein. Meine Haare standen wirr um meinen Kopf, als wäre eine Sprengladung darin explodiert, vereinzelte Blätter klebten in den Strähnen, die linke Gesichtshälfte war schmutzig - ich wollte lieber nicht wissen, worum es sich bei dem braunen Zeug handelte. Aber die Krönung war, dass einige Knöpfe von meiner Bluse fehlten und mein BH zu sehen war. Weiß, schlicht, züchtig, so jedenfalls hatte er gewirkt, als ich ihn angezogen hatte, jetzt zierten ihn dieselben braunen Flecken, die auch mein Gesicht bedeckten.

Ich setzte mich auf den Boden, umschlang die Beine mit den Armen, legte die Stirn auf meine Knie und stöhnte. Das war mit Abstand die schrecklichste Urlaubsreise, die je ein Mensch unternommen hatte. Und das war erst der erste Tag gewesen.


Ende der Leseprobe

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