Samstag, 27. November 2010

Ich hab ‘ne Zwiebel aufm Kopf, ich bin ein Döner!

Ein Phänomen, auf das man immer wieder trifft, wenn man sich in Lyrik- und Literaturforen herumtreibt. Da sitzen ganz normale Leute vor ihrem PC, tun sich eine Zwiebel auf den Kopf und schreien: Hurra, ich bin ein Döner! Das wäre ja gar nicht so ungewöhnlich, ist doch dem Menschen ein Hang zur Verkleidung eigen, erstaunlich sind die anderen, die die ganz begeistert rufen: Seht nur, ein Döner und was für ein besonders wertvolles Exemplar!

Wahrscheinlich hat niemand auch nur ein Wort von dem verstanden, was ich eben schrieb, oder? Ich nenne es das Zwiebel-aufm-Kopf-Phänomen, wenn selbstverliebte Möchtegern-Autoren sprachliche Gebilde konstruieren, die nur einem Zweck folgen: besonders zu sein. Besonders unverständlich, besonders unleserlich, besonders schwachsinnig. Sie vergewaltigen die Sprache (oh, wie genial) und führen Rechtschreibung und Grammatik ad absurdum (oh, wie innovativ). Und sie fahren gut damit! In kürzester Zeit scharen sie eine Anhängerschaft um sich, die sie bereitwillig anbetet. Denn wer will schon zugeben, dass er einen Text, der sich in ein Mäntelchen kleidet, das so wunderbar glitzert und funkelt und nur so von tollen Fremdwörter, kryptischen Metaphern und eigenwilliger Rechtschreibung strotzt, nicht verstanden hat?

Folglich wird alles in den Himmel gejubelt, was literarisch wertvoll aussieht. Besser brav mit der Masse nicken, als sich lächerlich zu machen, weil man den Döner für einen dampfenden Hundehaufen hält. Denn das kann er unmöglich sein, haben doch jede Menge von Connaisseuren schon ihre Zähne hineingeschlagen und mit verzücktem Gesichtsausdruck den Geschmack gelobt.

Leider beschränkt sich das Zwiebel-aufm-Kopf-Phänomen nicht auf Internetforen, sondern zieht erschreckende Kreise. Da sitzen renommierte Juroren und zeichnen ohne mit der Wimper zu zucken Werke aus, die sich dadurch auszeichnen von niemandem verstanden zu werden, wahrscheinlich nicht einmal von den Juroren selbst. Aber das scheint ja ein unabdingbares Qualitätsmerkmal zu sein.
Ein Beispiel dafür ist Reinhard Jirgl (Büchner-Preisträger), auf den ich gerade durch eine Buchkritik in einem Forum gestoßen bin. Herr Jirgl ignoriert die Rechtschreibung, erfindet fröhlich eigene Schreibweisen, bläst Nichtigkeiten zu Wetterballons auf, die lustig im Wind der Überheblichkeit des Autors tanzen.

Also ist Unverständlichkeit der Weg zum Erfolg? Es scheint so zu sein. Aber ganz sicher ist das nicht der Weg zum Leser. Und ganz sicher ist das nicht der Weg, den ich einschlagen möchte, denn mit einer Zwiebel auf dem Kopf würde ich mir reichlich dämlich vorkommen. Tja, aber ich bin auch kein selbsternannter Literat und habe keine Ahnung.

Wer möchte, kann ein Geschmacksmuster  von Herrn Jirgls „Unvollendeten“ auf Amazon probieren und sich selbst ein Bild machen.

Ein schönes Wochende und einen schönen ersten Advent!
Simone

Kommentare:

  1. Oh je,

    wie wäre das denn dann mit Arno Schmidt? Reicht da eine Zwiebel oder müsste es eine Knoblauchzehe sein? Er ist ja auch so ein Rechtschreibnegierer und Wörtererfinder der übelsten Sorte - oder doch ein Dichter?

    Beste Grüße von einem, der niemandes Selbstgerechtigkeit mag.

    AntwortenLöschen
  2. Nun,

    dazu kann mir kein Urteil erlauben, denn ich habe noch nichts von Arno Schmidt gelesen, jedenfalls bin ich mir dessen im Moment nicht bewusst.

    Beste Grüße zurück von jemandem der es schätzt, wenn sein Gegenüber sich nicht hinter Anonymität versteckt. Es ist doch netter, wenn man sich auch ansprechen kann.

    Schönes Wochenende
    Simone

    AntwortenLöschen
  3. Klar gesagt:

    Wer Arno Schmidt nicht gelesen hat, kann über Entwicklungen in der literarischen Sprache und Schrift nur begrenzt urteilen, zumindest nicht so schnell und unverantwortlich obenhin wie hier über Jirgl.

    Empfehlung:
    http://www.gasl.org/wordpress/?page_id=110

    Zur Anonymität:
    Nicknamen sind das A und O des Internets. Da könnte ich natürlich einen anbieten. Als reale Person zeige ich mich im Netz nach persönlichen Attacken mir Unbekannter - bis hin zum bedrohlichen Besuch bei mir zu Hause - nicht mehr.
    Was hülfe eine offenbarte Identität?
    Sie verführte zu scheinbaren Vertrautheiten, die mit der hier behandelten Sache nichts zu tun haben.

    Beste Grüße

    AntwortenLöschen
  4. Schöne Umschreibung für ein einfaches Phänomen:
    Das "sich zu wichtig nehmen". Leider folgt das Lamm immer dem Schaf, das auch nur annähernd in der Lage zu sein scheint, es zu nähren. Oder anders: Solange man meint, schlauer als seine Leser zu sein, ist alles im grünen Bereich.
    Schade nur, dass diese sogenannten Autoren, ihre Leser vergällen.

    Und an anonym:
    Selbstgerecht sind nur die, die meinen, schlauer zu sein als ihre Leser.... naja..und die, die meinen, dieses Gehabe auch noch verteidigen zu müssen...

    AntwortenLöschen
  5. Ich würde vorschlagen, dass die Kritik an Jirgl konkretisiert wird. Ein paar Beispiele werden es ja tun. Gegen Rundumschlägen allerdings erhebe ich halt einmal Einspruch.

    Beste Grüße

    AntwortenLöschen
  6. In seinen Romanen habe er ein „eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet“.“


    Konkreter gehts ja wohl nicht:-)

    Übersetzt heißt das ungefähr so viel wie: Nix zu sagen, aber ich versteck es mal in Worthülsen...vllt merkt es ja keiner.

    lg
    AnaRiba

    AntwortenLöschen
  7. Sprache ist etwas Wundervolles und gerade die deutsche Sprache bringt alle Möglichkeiten mit, die man braucht, um sich auszudrücken. Schön, verständlich, differenziert. Ingeborg Bachmann zB. hat diese Möglichkeiten genutzt und einen Weg gefunden das Potential auszuschöpfen, etwas ganz eigenes darin einfließen zu lassen, ohne sie zu verfälschen oder optisch aufzupeppen. Ohne dem Leser das Gefühl zu geben, sich selbst als Schreiber hervortun zu wollen.

    Herr Jirgl hingegen verteilt die Satzzeichen auf eine Art und Weise, die dem Sinn seiner Aussage nichts mitgeben, was man nicht auch mit den gegebenen Möglichkeiten hätte ausdrücken können. Aber nein, das tut er nicht, er erschwert dem Leser absichtlich den Zugang zu seinen Texten. Und das ist eine Form von Überheblichkeit, die ich als selbstgerecht bezeichne. Geht es in der Literatur darum, sich optisch abzugrenzen oder geht es darum, das was man sagen will, zu sagen?

    Ich liebe Sprache und ich liebe Autoren die Sprache nutzen, verbessern, vollenden. Ich liebe Sätze in die man eintauchen kann, die man immer wieder lesen möchte, weil sie prägnant, aussagekräftig, oder auch einfach nur wunderschön sind. Sprache zu entstellen und dem Leser Hürden aufzustellen, damit er sich auch ja bewusst wird, wie literarisch ein Text ist (respektive sein will), zeugt nicht von Liebe zur Sprache, sondern von Selbstverliebtheit.

    Es gibt keinen Schreiber, den man gelesen haben muss. Wer will entscheiden, was man lesen muss und was nicht? Dafür gibt es einfach zu viele Schreiber, zu viele Bücher. Und auch wenn man Arno Schmidt nicht gelesen hat, kann man sich seine Meinung über Herr Jirgl bilden. Oder nicht?

    Zur Anonymität:
    Die Gefahr, dass gestörte Personen anhänglich werden, ist im Netz natürlich weit größer als im RL (ich hatte selbst schon einmal das Vergnügen und weiß, dass das alles andere als ein gutes Gefühl ist), aber ich denke, dass es zum Teil auch die Anonymität ist, die dem Vorschub leistet. Man sieht das Gegenüber nicht als reale Person an, kann sich also auch viel leichter in Fantasievorstellungen verfangen. Natürlich ist es unmöglich durch Angabe von Namen mehr Transparenz zu schaffen, aber es wirkt einfach ehrlicher, wenn man mit seinem (einem) Namen hinter dem steht, was man zu sagen hat.

    Schönen ersten Advent.

    AntwortenLöschen
  8. Das Zitat „eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet“ dürfte ja nicht von Jirgl stammen, oder?

    Beste Grüße

    (nehmen wir hier doch einfach "Beste Grüße" als meinen Nicknamen)

    AntwortenLöschen
  9. Es ist vollbracht ;-)

    Beste Grüße
    Beste Grüße

    AntwortenLöschen
  10. Extra für mich? Ich bin entzückt und beschämt.

    Und nun werde ich mal meine Weihnachtsdeko suchen und die Fenster schließen, es ist empfindlich kalt und man weiß ja, wie leicht man sich einen Schnuppen holen kann.

    Also dann, einen schönen Sonntag, Beste Grüße.

    Beste Grüße

    AntwortenLöschen
  11. Apropos Sprachneuerer:

    auf dem Weg in die Sonntagsbeschaulichkeit empfehle ich irgend ein Werk von Christoph Martin Wieland mitzunehmen, nicht weil er (nur) beschualich wäre, sondern weil er ein fulminanter Worterfinder war.

    Beste Grüße
    Beste Grüße

    AntwortenLöschen
  12. Danke für den Tipp, setze ich gleich auf meine Liste.

    AntwortenLöschen
  13. Siehe ;-):

    http://books.google.de/books?id=kTkGAQAAIAAJ&pg=PA140&lpg=PA140&dq=Christoph+Martin+Wieland+neue+w%C3%B6rter&source=bl&ots=PAL-aXbSW_&sig=nB_-j6OpjT8aJBtQeoo7rlPne3A&hl=de&ei=oy7yTJy6HZHKswarvvT-Cg&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1&ved=0CBcQ6AEwAA#v=onepage&q=neue%20W%C3%B6rter&f=false

    Beste Grüße
    Beste Grüße

    AntwortenLöschen
  14. Na, in den Fallstricken Wielands hängen geblieben?

    Lais schreibt da gegen die Frontisten und von Spinnenwebereyen, und genau diese beiden Wörter sind Wielands, der Lais in den Mund gelegte Wortneuschöpfungen auf dieser Seite - eine subtile Art der Selbstironie.

    Frontisten hat Wieland als Neuschöpfung in Übersetzungen aus dem Griechischen für übertrieben subtile und pedantische Grübler gewonnen.

    Beste Grüße
    Beste Grüße

    AntwortenLöschen
  15. Nachtrag;:

    Wieland schreibt auf dieser Seite von "Sofisten", nicht "Sophisten" und anderswo von "Filosofen", nicht "Philosophen".

    Das nur nebenbei zur Rechtschreibung.

    Beste Grüße
    Beste Grüße

    AntwortenLöschen
  16. Kleiner Exkurs zum "Döner"

    Döner ist ein türkisches Wort und bedeutet "sich drehend". so gibt es beispielsweise in Kayseri ein sogenanntes "döner kümbet", ein seldschukisches Grabmahl, und eben im gesamten türkischsprachlichen Raum ein "döner kebap", aus dem in Deutschland verkürzt der "Döner" wurde. Er wird in D serviert in einem Pide-Fladen, wobei in den Fladen noch unterschiedliche Zutaten kommen. Das war bis vor kurzem in der Türkei eher nicht der Fall. Döner kebap wurde und wird dort hauptsächlich in Restaurants auf dem Teller mit verschiedenen Beilagen angeboten. Weder in D, noch in Tr wird auf den "Döner" eine (ganze) Zwiebel appliziert. Das bedeutet, dass man mit einer Zwiebel auf dem Kopf eigentlich nicht zum Döner werden kann.

    Mahlzeit!
    Beste Grüße

    AntwortenLöschen
  17. Mitgliedschaft beendet

    Beste Grüße
    des ehemaligen Beste Grüße

    AntwortenLöschen