Freitag, 26. November 2010

San Michele, donnerstags

Manche Tage sind schwarz, manche weiß, viel zu viele einfach nur grau. Aber Donnerstage sind immer grün und ein kleines bisschen braun.

Wir gehen ins Konzert. Vivaldi. Die Piazza San Marco, überschwemmt von Touristen. Es heißt, die Stadt versinkt. Doch sie ist schon vor langer Zeit versunken. Überflutet von Träumen, vom Hoffen, von weißen Socken in braunen Sandalen.

Ich versinke im Chiffon deines blassgrünen Abendkleides. Du trägst es für mich, sagst du. Und du trägst es mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der du den Tag in deinen Augen trägst. Wunschbrunnen. Hundert Wünsche auf dem Grund. Einige glänzend, frisch geprägt, andere patiniert, aber kein einziger vergessen.

Lass uns fliegen, sagst du, und weißt, dass ich nicht fliegen kann. Nicht wie du. Die Arme ausgebreitet, die Augen weit geöffnet. Ein kühler Wind greift in dein Haar, weht kleine Sprenkel über meinen Nacken.

Ich kann deine Gedanken riechen. Eine endlose Wiese voller Arnika zur Sommersonnenwende, taubenetzt im Morgengrauen. Nackte Füße im Gras, dein Kopf in meiner Armbeuge. Du bist Erde und Wasser, hältst einen Kieselstein in deiner Hand. Glatt geschliffen, warm von deinem Atem.

Ich halte die Luft an, solange es geht, um deine Gedanken nicht fort zu blasen. Und du lächelst.

Nur noch fünfundzwanzig Minuten, sage ich, nach einem Blick auf die lange Schlange vor dem Eingang der Ateneo di San Basso und meine Armbanduhr. Du nimmst meine Hand, ziehst mir die Uhr vom Handgelenk und wirfst sie mitten unter eine Schar Tauben.

Ich schenke dir tausend mal fünfundzwanzig Minuten, flüsterst du, und ich verliere den Kontakt zum Boden.

Du möchtest Eis essen. Der Gedanke an „Le Quattro Stagioni“ hat dich hungrig gemacht, sagst du voller Überzeugung und weißt, wie sehr ich es hasse, wenn du dich dumm stellst. Du ignorierst mein Augenrollen und meine Einwände, dass die Karten verfallen. Vivaldi wird schon seit 300 Jahren gespielt und er wird es auch nächste Woche noch, aber das Eis brauchst du unbedingt sofort.

Mitten durch die Menschenmenge, führst du mich, als wäre sie gar nicht vorhanden, und ich sehe, dass du keine Schuhe trägst, unter deinem langen Kleid. Vergessen, sagst du, zuckst mit den Schultern.

Wir finden einen freien Tisch, in einer Gelateria am anderen Ende des Platzes. Deine Fingernägel ziehen helle Furchen in das Braun meines Unterarms. Du säst deine Träume unter meine Haut. Lass uns eine Weile hier bleiben, eine Auszeit nehmen. Wenigstens bis zum Karneval.

Der Kellner wartet auf unsere Bestellung. Dein Blick ist nur auf mich gerichtet. Lange Zeit. Saugt mich ein. Gehen wir zurück zum Hotel, sagst du, und ich lache.

Du öffnest die Gardinen, die großen Flügelfenster, lässt die Nacht zu uns ins Zimmer. Die Stadt ist hellwach, genau wie du. Du möchtest nie wieder schlafen, sagst du, kein noch so kleines Stück des Lebens verpassen.

Achtlos wirfst du dein Abendkleid auf den Boden. Lässt deinen Körper in den gräsernen Stoff sinken. Endlose Weite und der Duft nach Arnika.

Das Grün ist tiefer geworden. Braun rinnt der Tag zwischen meinen Fingern hindurch. Schwer und noch ein wenig feucht. Dunkler als letzte Woche. Es hat geregnet, am Mittwoch.


Aus: Jetzt. - Texte zum Antho? - Logisch! - Literaturpreis
© Simone Keil

Kommentare:

  1. Nun,

    es schadet nicht, zu wissen, dass Vivaldis Kompositionen nach des Komponisten Tod von der Bildfläche verschwunden sind und erst im Gefolge der Bachrenaissance wiederentdeckt worden sind.
    Beste Grüße

    AntwortenLöschen
  2. Nein, das schadet sicher nicht.

    Beste Grüße zurück

    AntwortenLöschen