Samstag, 25. Dezember 2010

Weihnachtsmarkt in der Kastanienallee

In Bude Nummer eins gibt‘s Kugeln
mit Rum (was sonst). Die Boxen dudeln:
Oh du stille, heilige Nacht.

Die zweite Bude bietet Glühwein
mit und ohne Früchten an. Im Scheine
der Elektrokerzen schwankt ein Mann. (Der Fritz!)

Die Finger klamm um seinen Becher, die Nase rot.
Ein andrer Zecher liegt im Rinnstein,
donnervoll. (Oder doch tot?)

An Bude drei kann man den Magen mit Wurst von Metzger Kluge plagen.
Hinter den Häuserfenstern brennen Lichter.
Man sieht gelegentlich Gesichter, die nach dem Wetter schau‘n.

Die Schulzes spielen heute mal Mau-Mau.
Herr Mayer-Lutz schlägt seine Frau. (Wie fast an jedem Wochenende.)
Und Oma Lise wartet wieder vergeblich auf den Frieder. (Seit über fünfzig Jahren schon. Sie hatte nur den einen Sohn.)

Als Herrmann Schulzes Kinder schlafen
surft er bei „Geile-Titten-Larven“
und seine Gattin brät den Sonntagsbraten an.

An Bude acht gibt‘s Tee mit Rum, ich nehme einen Schluck
und dreh mich um. Da winkt mir eine Lichtgestalt.
Die Flügeln weit gespreizt, das Lächeln festgetackert.

Und über ihrem Kopf (ich schwöre!) da trägt die Göre
einen echten Heiligenschein. „Hosianna“, singt sie.
Doch irgendwie scheint sie verstimmt.

Frau Finke schlürft Met aus dem Schuh von Frau Motz.
Knecht Ruprecht kotzt, der Weihnachtsmann lacht.
Oh du stille, heilige Nacht.

© Simone Keil

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