Samstag, 30. August 2014

SIE: Michaela und die Tücken der Technik

(Wer wollte denn die dämliche Nudelmaschine?)


Im Anfang schuf SIE Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und öde, und Finsternis lag schwer und drückend auf der Urflut, und IHR Geist bewegte sich leicht und anmutig über dem Wasser.

„Meine Güte, wer soll das denn kaufen? Ist das eine IHRER Auftragsarbeiten oder hattest du die Adjektive einfach übrig?“ Michaela probiert die Sahnesoße und murmelt: „Basilikum.“

Urielle rollt das Pergament zusammen und verschränkt die Arme vor der Brust. „Habe ich mich schon einmal in deinen Aufgabenbereich gemischt? Ich weiß nicht, warum sich jede hier berufen fühlt, mir Ratschläge geben zu müssen.“

„Ach komm schon, sei nicht so Miesepetraig. Deck lieber den Tisch, Eva müsste bald da sein.“

Urielle rollt das Pergament wieder auf dem Tisch aus, taucht die Feder affektiert in die Tinte und beugt sich über das Papier. „Ich habe zu tun“, sagt sie. „SIE will den Text noch vor dem Nachmittagstee.“ Dann schaut sie noch einmal auf. „Und ja, es ist eine IHRER Auftragsarbeiten. SIE hat den ursprünglichen Anfang bemängelt. Zu undramatisch, zu wissenschaftlich. Und wo bleibe ICH? Und was ist mit MIR? Blablabla. Banausin!“

„Tja.“ Michaela nimmt den Topf vom Herd und dreht das Gas ab, zieht die Augenbrauen hoch. „Du warst doch ganz wild auf den Posten, jetzt bade es auch aus.“

„Ach steck dir doch Basilikum ins Haar!“

„Du mich auch, Schwester!“ Ohne Urielle eines weiteren Blickes zu würdigen, nimmt sie die neue Nudelmaschine aus dem Karton und blättert in der Gebrauchsanweisung.

Urielles Gesicht ist ganz Konzentration. Verzückt öffnet sie ihren Geist dem Genie, das ihr all die genialen Worte und Wendungen eingibt. Alles um sie verblasst, wenn ein neues Meisterwerk entsteht.

Da sprach SIE: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Ein Flirren und Funkeln, als schimmerten Milliarden Strasssteine in allen Regenbogenfarben. Und SIE sah, dass das Licht gut war und IHREN zarten Teint ganz wundervoll zur Geltung brachte. Und SIE schied das Licht von der Finsternis. Und SIE nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte SIE Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.

Zufrieden rollt Urielle ihr Werk zusammen und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Zeit für eine Pause.

Das Telefon klingelt. Einmal, zweimal, dreimal. Mit einem Schnaufen knallt Michaela die vierfingerdicke Gebrauchsanweisung auf den Haufen Zahnräder, Schrauben und Ketten, die auf der Arbeitsplatte ausgebreitet liegen. „Bemüh dich nicht“, zischt sie Urielle zu und reißt den Hörer vom Apparat, dreht an der kleinen Kurbel und haucht ein zuckersüßes „Hallo“ in den Kupfertrichter. Dann weiten sich ihre Augen. „Hm, ja, das verstehe ich natürlich. Aber wie kann er denn schon wieder kaputt … Sicher, du kannst nichts dafür, das habe ich auch nicht … Selbstverständlich kümmern wir … Nein. Nein, das geht auf keinen Fall. Ich bin mitten im … Gut, ja doch! Also, bis dann.“ Sie hängt den Hörer ein und streicht ihre Schürze glatt. Lächelt Urielle an. „Liebes …“

„Vergiss es!“

„Aber du weißt doch noch gar nicht was …“

„Die Antwort lautet: Nein! Ich weiß genau, was wieder los ist. Eva hat den Aufzug kaputt gemacht. Zum wievielten Mal wohl? Na, ich habe das Ding auch nicht einbauen lassen. Ich war mit der alten Methode voll und ganz zufrieden. Wer wollte denn den ganzen Technikschnickschnack?“ Sie rückt ihre Brille gerade und setzt ein triumphierendes Lächeln auf. Trommelt mit den Fingern einen schnellen Marschrhythmus auf die Tischplatte. „Ein Telefonapparat, ein Aufzug, eine Nudelmaschine. Was kommt als nächstes? Eine dampfbetriebene Kurbel für IHR Modell?“

Michaela saugt geräuschvoll die Luft durch die Zähne. „Bitte“, sagt sie. „Ich bin auf dich und deine Hilfe nicht angewiesen.“ Sie rauscht aus der Küche und knallt die Tür zu, dass einige Zahnräder von der Arbeitsplatte springen und über den Boden rollen.

„Ruhe. Wie wundervoll. Kommt, ihr Musen, und küsst mich!“ Urielle widmet sich wieder ihrem Manuskript und vergisst die Welten über und unter sich und die Zeit, die sowieso keine Bedeutung hat.

Auf Zehenspitzen huscht Michaela durch den Gang. Immer noch aufgebracht. Jetzt muss sie auf die altmodische Art runter, Eva beschwichtigen, sehen, was mit dem Aufzug los ist, wieder hoch, den Kundendienst anrufen, sich Urielles hochnäsiges Grinsen gefallen lassen, wieder runter, Eva beschwichtigen, wieder hoch … Und das Essen ist auch noch nicht fertig. Und die Nudelmaschine … Vor IHREM Zimmer bleibt sie stehen, horcht. Die Zahnräder rattern gleichmäßig, sonst ist es ruhig. Gut. Sie hält die Luft an und macht einen vorsichtigen Schritt.

„Michaela? Bist du das? Michaelaaa!“

Michaela stöhnt. Das kann doch nicht wahr sein. Wie macht SIE das immer? Sie öffnet die Tür und tritt ein. SIE sitzt in IHREM Ohrensessel (wo sollte SIE auch sonst sitzen?), dreht die Kurbel (was sollte SIE auch sonst tun?) und lächelt (was sollte … Lächelt?). SIE lächelt!

Michaela sieht sich misstrauisch um. SIE dreht die Kurbel, die Welten bewegen sich in ihren Bahnen, in der Ecke das Spinnennetz, die Pfefferminzteeflecken an der Wand über dem Schreibpult und auf dem Teppich. Alles wie immer. Nur, dass SIE lächelt. Und dann sagt SIE: „Na, Michaela.“ Und lächelt.

„Na“, sagt auch Michaela und sieht noch einmal genauer nach, ob nichts in IHRER Reichweite liegt, das SIE plötzlich als Wurfgeschoss benutzen könnte. Nichts. Gut. „Was gibt’s?“

SIE pfeift fröhlich vor sich hin. Und lächelt. Michaela stöhnt innerlich. Jetzt dreht SIE wohl total durch. „Ich muss mich ums Essen kümmern. Also, wenn nichts Wichtiges anliegt, dann würde ich gerne wieder an meine Arbeit gehen.“ Sie zieht fragend die Augenbrauen hoch und deutet auf die Tür. SIE lächelt. Michaela bläst die Luft aus und dreht sich zur Tür.

„Warte!“ Aha! IHRE Stimme klingt wieder etwas normaler. Was man bei IHR eben normal nennt. 

„Pass auf“, fährt SIE fort und dreht die Kurbel schneller. Die Zahnräder quietschen. Schneller. Die Ketten rasseln. Schneller. Die Fliehkraft treibt die Planeten aus ihren Umlaufbahnen. Noch schneller. Michaela zieht den Kopf ein und macht einen Schritt rückwärts. Die Planeten vibrieren, der Sessel vibriert, SIE keucht vor Anstrengung, das Kugellager der Kurbel beginnt zu qualmen, Michaela duckt sich und hebt schützend die Hände vors Gesicht. Dann stoppt SIE abrupt die Kurbel. Stille. Michaela stößt den Atem aus. Die Planeten schwanken und wackeln und finden zurück zu ihren Positionen. 

SIE hüpft einmal in IHREM Sessel und als Michaela ansetzt, etwas zu sagen, legt SIE den Finger auf die Lippen und deutet nach oben. „Der Blaue“, flüstert SIE. „Guck den Blauen an.“

Michaele sieht zu dem blauen Planeten. Staub? Sie kneift die Augen zusammen. Ist das Staub, was von seiner Oberfläche rieselt?

„Horch!“, flüstert SIE.

Michaela horcht. Ein leises Geräusch, nicht lauter, als das Summen einer Hummel, aus 500 Metern Höhe wahrgenommen. Es klingt wie … Das Röhren eines Hirschrudels? Michaela zuckt die Schultern und unterdrückt das Verlangen IHRE Temperatur zu fühlen.

Die Planeten stehen immer noch still und SIE platzt heraus. Fängt an zu gackern, bis IHR die Tränen über die faltigen Wangen rinnen. „Hast du gehört?“, kreischt SIE. „Und gesehen?“ Gacker. „Die wilde Fahrt war zu viel für sie.“ Gackergacker. 

Michaela nickt, setzt einen neutralen Gesichtsausdruck auf und nimmt sich vor, den Arzt anzurufen, wenn sie mit Eva und den anderen Problemen fertig ist.

Die Planeten stehen immer noch still, eine der Sonnen flackert beunruhigend. Das Hirschröhren (?) wird leiser, der Staub (?) hört auf zu rieseln. „Ähm.“ Michaela zeigt auf das Modell, dann auf die Kurbel. „Du solltest … Unbedingt … Sofort …“

„Upps“, sagt SIE, packt die Kurbel und beginnt wieder zu drehen. Schön ruhig und gleichmäßig. Gut. Und SIE lächelt. Nun ja. Da SIE also wieder dreht (und lächelt) und Michaela nicht mehr beachtet, schlüpft sie unauffällig durch die Tür und zieht sie leise hinter sich zu. Sie hört SIE noch einmal gackern und geht in ihr Zimmer.

Gabi hockt im Schneidersitz auf Michaelas Bett und omt. Zwischen den Oms saugt sie die Luft tief in ihre Lungen und vollführt mit den Armen kreisende Bewegungen neben dem Kopf. Aus dem Klangtrichter des Grammophons dringen ätherisch klingende Walgesänge. Wo bekommt Gabi nur immer diese Schallplatten her?

Michaela öffnet den Mund, findet keine Worte und schüttelt den Kopf. Sie öffnet den Kleiderschrank und durchstöbert ihre Sachen. Wo hat sie denn nur … Sie müssen doch irgendwo … Ah! Sie tippt sich an die Stirn und zieht den großen Karton aus dem obersten Regal, nimmt die zerknautschten Flügel heraus und rümpft die Nase. Mottenkugeln. Und ziemlich zerdrückt sehen sie aus. Kein Wunder, seit der Aufzug eingebaut wurde, hat sie sie nicht mehr benutzt. Hoffentlich passen sie wenigstens noch.

Sie legt die Lederriemen über die Schultern und um die Hüften und schließt die Schnallen, klopft sich triumphierend auf den Bauch. Kein Gramm zugenommen! Dann zieht sie die Mechanik auf, bis sie einrastet und testet vorsichtig die Steuerung. Höhenruder, Seitenruder, Geschwindigkeit. Geht doch noch, also dann los.

Sie will auf keinen Fall noch einmal an IHREM Zimmer vorbei, also bleibt nur die Abkürzung durch den Lieferanteneingang. Sie sieht auf die Uhr. Halb zwölf. Der Nudelteig ist nicht angerührt und die Maschine auch noch nicht zusammengebaut. Kurzentschlossen rüttelt sie Gabi an der Schulter und diese öffnet langsam die Augen, beendet ihr Armkreisen und omt noch mal ausgiebig, bevor sie Michaela unter halbgeschlossenen Lidern ansieht.

Michaela erklärt die prekäre Situation. Beschreibt die genaue Lage des Teigrezepts und der Bau-, sowie der Bedienungsanleitung der Nudelmaschine und verbietet sich über die möglichen Konsequenzen dieser spontanen Eingebung nachzudenken. „Alles klar?“, schließt sie ihren Vortrag und wartet.

Gabi nickt. Die Wale singen gerade besonders anrührend. „Kannst du ihren Schmerz spüren, ihre Liebe, ihre Hoffnung? Ich wünschte, ich wäre ein Buckelwal, dann könnte ich …“

„Die Nudeln! Gabi, die Nudeln!“

„Mach dir mal keine Sorgen, ich krieg das schon hin.“ Sie nimmt den Tonarm von der Platte und starrt ins Nichts. Und sie lächelt.

Michaela reibt sich die Schläfen. Nicht darüber nachdenken. Sie schiebt Gabi aus dem Zimmer, dreht sie in Richtung Küche, gibt ihr einen leichten Stoß in den Rücken und beobachtet mit knirschenden Zähnen wie sie hinter der nächsten Abzweigung verschwindet. Dann hört sie IHRE Stimme: „Michaela? Michaela!“ Michaela öffnet die Tür zur Laderampe und springt.

Und SIE sprach: Lasst uns Frauen machen als unser Bild, uns ähnlich. Und sie sollen herrschen über die Fische des Meers und über die Vögel des Himmels, über das Vieh und über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die sich auf der Erde regen und über Einkaufszentren und Kosmetiksalons.

Urielle trinkt einen Schluck Wasser, ersetzt Einkaufzentren und Kosmetiksalons durch Bibliotheken und Universitäten und nickt zufrieden. SIE wird das natürlich wieder bemäkeln, aber diesen Disput wird sie nicht kampflos verlieren.

Gabi stürzt in die Küche, knallt die Tür zu und lehnt sich mit dem Rücken dagegen. „Das war knapp“, keucht sie völlig außer Atem. Urielle wartet auf eine Erklärung, die sie eigentlich nicht hören will, aber Gabi muss man bekanntlich nicht bitten. „Negative Schwingungen“, sagt sie und zeichnet mit den Händen Wellen in die Luft. „Vor IHREM Zimmer sind so viele Negativwirbel, dass man kaum eine Chance hat vorbei zu kommen, ohne von ihnen gestreift zu werden. Aber ich habe eine sichere Methode entwickelt, ihnen auszuweichen.“

Urielle nickt und denkt an Apfelkuchen. Gabi duckt sich, hüpft nach vorne, duckt sich wieder, macht zwei Schritte seitwärts, rudert mit den Armen, dreht sich einmal um die eigene Achse und hüpft zum dritten Mal. „Siehst du?“ Ein vierter Hüpfer (aber diesmal rückwärts) und sie steht vor der Arbeitsplatte, auf der die neue Nudelmaschine sich in Einzelteilen stapelt. „Man kann unter Nagativwellen hindurch tauchen und den Sog der Wirbel nutzen, um sich selbst zu beschleunigen.“

„Beeindruckend“, sagt Urielle (Pfirsichkuchen wäre auch nicht übel).

„So“, sagt Gabi und krempelt die Ärmel hoch. „Dann will ich mal.“

„Was?“

„Mich ums Essen kümmern.“

Der Kuchen in Urielles Gedanken zerbröselt. Zurück bleibt ein merkwürdiger Geschmack im Großhirn. Sie beobachtet, wie Gabi die Bauanleitung durchblättert, die Bilder gelegentlich auf den Kopf und zurück dreht, murmelt, nickt und das 500-Seiten-Epos keine zehn Sekunden später zur Seite legt. Dann beginnt sie die Zahnräder, Schrauben, Muttern, Unterlegscheiben und Antriebsriemen zusammenzusetzen, einzuhaken, zu verschrauben. Urielles Kiefer klappt auf und zu und auf. Da hat sie Gabi wohl gehörig unterschätzt.

Das Telefon klingelt. Gabi nimmt den Hörer ab und sagt „Gabi“, dann sagt sie lange nichts mehr, schließlich sagt sie „okay“ und hängt ein. „Michaela braucht dringend eine Schlange, hat aber keine Lust extra deswegen nochmal hoch zu fliegen, also sollst du ihr eine runter schreiben“, sagt sie zu Urielle und widmet sich wieder der Nudelmaschine.

Urielle rückt ihre Brille gerade und klappt den Mund zu, der immer noch offen stand. „Für was braucht Michaela eine Schlange?“

„Was weiß ich, es hat was mit Eva zu tun oder dem Fahrstuhl. Oder beiden. Ruf sie an und frag nach, wenn es dich interessiert.“

„Du weißt genau, dass ich die Höllenmaschine nicht anfasse.“

Gabi zuckt mit den Schultern. Urielle seufzt und taucht die Feder ins Tintenfass. Eine Schlange. Das muss Evas schlechter Einfluss sein, die war schon immer etwas neben der Spur. Wahrscheinlich hat sie sich ein Haustier gewünscht. Sie schließt die Augen und ruft nach Inspiration. Niemand kann ermessen, welche Opfer sie bringt. Tief in ihrem Inneren schlummert das Genie, das zu literarischen Meisterwerken fähig ist und sie verschwendet es für IHRE trivialen Geschichten und dämliche Auftragsarbeiten. Schlange. Jajaja. Wo war sie stehen geblieben? Ach ja, Bibliotheken und Universitäten. Also.

… Bibliotheken und Universitäten. Und damit sie sich nicht langweilten, schickte SIE ihnen in IHRER unermesslichen Güte eine Schlange, die ihnen die Wartezeiten beim Frisör und an der Kinokasse vertrieb.

So. Das muss reichen. Niemand kann verlangen, dass sie für solche unsinnigen Sonderwünsche mehr Zeichen verschwendet, als unbedingt nötig.

„Fertig!“ Gabi hüpft und klatscht in die Hände.

Die Nudelmaschine sieht tatsächlich ziemlich gut aus, das muss Urielle zugeben, auch wenn das die allererste Nudelmaschine ist, die sie zu Gesicht bekommt. Voller Elan wendet sich Gabi nun der Zubereitung des Teigs zu. Sie verrührt die Zutaten in einer Schüssel, die sie sich professionell unter den Arm geklemmt hat. Das Telefon klingelt, Gabi nimmt den Hörer ab und zuckt zusammen. Sie nimmt den Hörer vom Ohr. Urielle hört verzerrtes Gekreische aus dem Apparat. Gabi sieht Urielle an und sagt: „Upps.“ Immer noch Gekreische. Gabi hängt ein und pfeift tonlos vor sich hin.

„Was?“, sagt Urielle.

„Es gab da wohl ein kleines Missverständnis.“ Tonloses Pfeifen.

„Was!?“

„Die Verbindung ist aber auch wirklich alles andere als gut. Da kann man schon leicht mal … Wahrscheinlich sendet der Apparat auch Negativwellen aus. Das könnte ich mir wirklich gut …“

„Gabi! Was? Sag mir sofort, warum Michaela so gekreischt hat.“

„Eva ist wohl ausgerastet, als sie die Schlange gesehen hat.“

„Aber sie wollte doch … Moment! Von was für einem Missverständnis hast du eben gesprochen?“

„Meine Güte, schreit mich doch nicht alle an! Bei dem Gerausche und Geknacke in der Leitung – und wahrscheinlich auch Negativwellen – kann man sich schon mal verhören. Schlange – Zange. Klingt doch alles gleich.“

Urielle schlägt sich die flache Hand vor die Stirn.

Michaela landet unsanft auf der Laderampe, reißt sich die Flügel vom Rücken, stapft mit großen Schritten in ihr Zimmer und pfeffert sie in die Ecke. „Nie wieder“, sagt sie. „Es reicht. Endgültig. Finito, basta!“ Sie richtet ihre Schürze und geht in die Küche.

„Michaela? Michaela!“ Gackern.

Oh nein! Ohne die Geschwindigkeit zu verringern, läuft sie an IHRER Tür vorbei, reißt die Küchentür auf, setzt an, Gabi wegen des Chaos und der Sauerei nieder zu machen und bleibt wie angewurzelt stehen. Die Nudelmaschine ist zusammengebaut, der Teig fertig angerührt, die Arbeitsplatte blitzt und blinkt. Der Tisch ist gedeckt und es duftet nach frischem heißem Pfefferminztee. Urielle arbeitet an IHREM Text. Gabi lehnt mit verschränkten Armen entspannt an der Arbeitsplatte, genau zwischen Nudelmaschine und Teigschüssel.

„Hallo Michaela“, sagt sie.

Michaela sagt: „Hm.“ Als ihr Gehirn die unerwarteten Eindrücke verarbeitet hat, sagt sie: „Schlange!“

Urielle hüstelt verhalten und sagt: „Tja. Ohne den Technikschnickschnack wäre das nicht passiert.“ Dann kichert sie. „Hat Eva sich an ihr neues Haustier gewöhnt?“

Michaela stößt einen Seufzer aus, der ihrer ganzen Verzweiflung Ausdruck verleiht und setzt sich an den Küchentisch, lässt die Stirn geräuschvoll auf die Platte knallen und sagt: „Iwiehihiwikiwihii.“ Zumindest klingt es so. Sie hebt den Kopf, sieht Urielle verzweifelt an. „Ich kann nicht mehr, Eva treibt mich in den Wahnsinn. Diese Frau ist so unausgelastet, unzufrieden und unmöglich. Sie will die Schlange behalten. Nachdem sie 30 Minuten wie am Spieß geschrien hat, will sie die Schlange nun behalten. Und sie will sie zum Essen mitbringen, wenn der Aufzug repariert ist. Sie ist einsam, Urielle und wir müssen es ausbaden. Sie braucht Gesellschaft. Menschliche Gesellschaft!“

Urielle rückt ihre Brille gerade. „Du weißt doch, was SIE über das Thema denkt. Das hatten wir doch alles schon: Und? Soll ICH mir vielleicht eine Gefährtin aus den Rippen schneiden?“

Gabi setzt sich zu den anderen an den Tisch und reicht Michaela eine Tasse heißen Tee. „Hm“, sagt sie, „was mit einer Schlange funktioniert …“ und sieht Michaela und Urielle der Reihe nach an.

Michaela sieht Urielle an und die taucht die Feder in die Tinte. „Aber das ist das allerletzte Mal, verstanden!“

Michaela nickt freudestrahlend. „Du bist ein Engel!“

„Jajaja. Und jetzt lasst mich meine Arbeit machen, sowas ist eine schwierige Sache. Schreiben wird nicht ausreichen, ich fürchte, ich muss eine Zeichnung beifügen.“ Sie kaut auf ihrer Unterlippe und beginnt mit flinken Strichen den Kopf zu zeichnen.

Michaela legt den Finger auf die Lippen und zieht Gabi mit sich zur Theke. „Also, lass uns die Maschine ausprobieren. Willst du?“

Gabi schnappt sich die Schüssel, füllt den Teig in den großen Trichter und drückt auf den Ein-Schalter. Die Maschine beginnt zu vibrieren, der Teig verschwindet im Inneren. Die Maschine vibriert, der Teig ist verschwunden. Sie beugen ihre Köpfe über den Trichter. Nichts zu sehen. Das Vibrieren wird zu einem Rattern, der Teig bleibt verschwunden. Ein Zahnrad fällt klappernd auf den Boden. Gabi macht zwei Schritte zur Seite, Michaela reißt die Augen auf. Dampf wabert aus dem Trichter und legt sich über die Arbeitsplatte. Dann Stille. Ein Knall und Zahnräder, Antriebsriemen, Schrauben, Muttern und ein halbes Pfund Makkaroni explodieren durch die Küche.

„Upps“, sagt Gabi.

Michaela sagt: „Wabadade.“ (zumindest hört es sich so an)

Urielle wischt sich eine Nudel vom Brillenglas und sagt nichts.

Das Telefon klingelt. Einmal, zweimal, dreimal. Michaela reißt den Hörer vom Apparat, schreit: „Hallo! … Eva. Das ist jetzt wirklich ungünstig, wir haben gerade ein … Nudel? Was soll das heißen?“ Sie sieht erst Gabi an, dann Urielle, dann sagt sie: „Hm. Das kann ich mir gar nicht … Nein, ich weiß auch nicht … Aber ja doch, das muss einer IHRER Einfälle … Gut. Mach das, ich werde mit IHR … Ja, bestens, bis bald.“ Sie legt den Hörer auf und geht zum Tisch, setzt sich neben Urielle und sieht auf das Pergament. Sie gibt der Makkaroni, die auf der Zeichnung gelandet ist, einen Stupps mit dem Finger und sieht zu, wie sie hin und her wackelt. Dann sieht sie Urielle an. Urielle rückt ihre Brille gerade und sagt: „Upps.“

SIE kreischt nach Michaela, unterbrochen von unkontrolliertem Gegacker. Das Hirschröhren (?) wird leiser, der Staub (?) hört auf zu rieseln und SIE beginnt wieder an der Kurbel zu drehen. Die Welten zittern. Gelegentlich wanken sie, verlangsamen ihren Lauf und beschleunigen ihn wieder. Aber SIE dreht die Kurbel, wie SIE es schon immer tat. Dreht und dreht (und gackert) und dreht.


CC by-nc-nd Simone Keil

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