Dienstag, 28. Oktober 2014

Klänge von Schnee I


Fallen


ALS ICH DICH zum ersten Mal bemerkte, warst du nicht mehr als ein Flirren in der Luft, ein kaum merklicher Temperaturabfall, eine Blüte, die sich einen Sekundenbruchteil zu schnell schließt, während die Sonne daran denkt, zu sinken. 
Und dann falle ich aus der Zeit, ich falle und schlage mir den Hinterkopf auf dem Asphalt auf. 
Später würde ich sagen, mir ist schwindelig geworden. Die Hitze, würde ich sagen, das verdammte Wetter ist schuld. Und alle würden nicken, das verdammte Wetter. Man sollte Wetter generell verbieten, sollte Sonnenschein und Regen rationieren und dem Wind eine Geschwindigkeitsbegrenzung auferlegen und ihm ein saftiges Bußgeld aufbrummen, falls er sich nicht daran hält.
In Wahrheit sage ich gar nichts, denn ich weiß nicht, dass du der Auslöser für meinen Fall warst. Meinen Fall aus der Zeit. Niemand stellt mir Fragen und ich sage nichts übers Wetter, die Sonne, den Wind. Ich registriere nur, dass ich aus der Zeit gefallen bin. Wie eine Schneeflocke, die im Frühling auf einem Blatt landet, und noch während sie bemerkt, dass irgendetwas nicht richtig ist, schmilzt.
Die Welt kommt mir kleiner vor, seit ich dich spüre. Ich lasse meine Hand durch die Wolken gleiten, sie sind kühl und ein wenig rau zwischen meinen Fingern. Die Menschenmassen teilen sich vor mir und schließen sich hinter mir wieder, als würden sie mich nicht bemerken und als würden sie nicht bemerken, dass ich weiß, wie traurig sie sind. Wie könnten sie glücklich sein, in ihrer Welt, in der du nicht existierst? 
Bevor ich aus der Zeit fiel, war ich auf dem Weg nach Irgendwo. Ich kann mich nicht erinnern, wo das ist und was ich dort wollte, wie es dort aussah, wie es roch, wie es sich anfühlte dort hinzugehen. Kann man im Irgendwo ankommen? Ist das möglich? Vielleicht ist das Irgendwo ein Paradoxon, geschaffen zu keinem anderen Zweck, als dort  hinzugehen und  hinzugehen und niemals anzukommen. Solange man auf dem Weg ist, ist einem nicht klar, wie paradox es ist, erst wenn man stillsteht erkennt man, dass man die ganze Zeit nur sinnlos gelaufen ist. Und dann verzweifelt man. Oder man fällt aus der Zeit, wenn man spürt, dass das Leben nicht im Irgendwo stattfindet. 
Ich weiß nicht, wie lange ich noch gelaufen wäre, wenn ich dich nicht in der Luft, in den Wolken, selbst im Asphalt gespürt hätte. Du bist. Nicht im sinnlosen Irgendwo, du bist hier, du wirst mich finden. 
Die vorbeifahrenden Autos ziehen Schlieren hinter sich her, als durchbrächen sie Wasserfarben, die der Fahrtwind dann von ihren Karosserien bläst und auf der Leinwand der Stadt verteilt. Scheinbar willkürlich, aber nichts geschieht willkürlich, alles ergibt einen Sinn, selbst das Chaos folgt geordneten Strukturen. 
Bevor ich aus der Zeit fiel, muss ich irgendetwas mit meinem Leben angefangen haben. Ich erinnere mich, dass meine Mutter sagte, fang etwas mit deinem Leben an, und das habe ich ganz sicher beherzigt. Jetzt sieht sie mich manchmal mit einem Blick an, der meine Fußsohlen kribbeln lässt. Dann möchte ich loslaufen, laufen, weiterlaufen. Aber bevor ich den Gedanken zu Ende denken kann, hat sie ihren Blick von mir abgewandt und ist längst mit anderen Dingen beschäftigt. Dinge, die wichtig sind, Dinge, die erledigt werden müssen. Ich frage mich, wie sie so schnell umdenken, umkehren, weitermachen kann und dann erinnere ich mich, dass sie nicht aus der Zeit gefallen ist. Das bin ich. 
Die Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf mich. Jetzt. Früher war das anders, aber früher ist eine alte Postkarte, die man in einem Schuhkarton im obersten Fach des Kleiderschranks findet. Die meisten Menschen ignorieren mich, ihre Blicke streifen manchmal die Konturen meines Körpers, aber sobald sie ihn berühren, werden sie abgelenkt, gleiten an einer unsichtbare Schiene entlang, die an meinen Armen hinauf über meinen Kopf führt. Einige wenige sehen mich direkt an, zweifelnd, ängstlich, nicht selten wütend, aber immer kopfschüttelnd, selbst wenn sie den Kopf dabei nicht bewegen. 
Warum gehst du nicht ein wenig spazieren?, fragt meine Mutter. 
Ich zucke mit den Schultern, ich habe nie verstanden, wozu Spazierengehen gut sein soll. Man verlässt den Ausgangspunkt, läuft im Kreis oder Oval oder auch in anderen mehr oder weniger geometrischen Figuren durch die Gegend, um nach einer bestimmten oder unbestimmten Zeitspanne wieder am Ausgangspunkt anzugelangen. Aber sie hat wieder diesen Blick drauf, so dass ich meine Jacke nehme (nimm eine Jacke mit, es ist kühl draußen) und zwanzig Minuten vor der Haustür stehen bleibe, bis ich wieder hineingehe.
Siehst du, sagt sie, die Bewegung an der frischen Luft hat dir gutgetan, du siehst viel besser aus.
Von jetzt an gehe ich also täglich spazieren, das scheint eine Tätigkeit zu sein, die man macht, wenn man nicht aus der Zeit gefallen ist. Ich stelle mir den Wecker meiner Armbanduhr auf 10 Uhr ein und gehe nach draußen, wenn er um 11 Uhr zum zweiten Mal klingelt, gehe ich wieder rein. Das funktioniert, bis die Nachbarn aufmerksam werden und meiner Mutter Fragen stellen und sie mich wieder mit diesem Blick ansieht. Am nächsten Tag gehe ich bis zur Straßenecke und warte dort, bis mein Spaziergang zu Ende ist. Es dauert eine Woche, bis ich auch dort jemandem auffalle. Also dehne ich den Spaziergang aus. Bis zur Bushaltestelle, bis zur Grundschule, bis zu dem Frisörladen mit den Perückenköpfen im Schaufenster. 
Irgendwann muss bis zum Supermarkt ausweichen und die Stunde reicht gerade noch, um umzudrehen und zurückzugehen. Gut. Jetzt gehe ich also tatsächlich spazieren, es tut nicht weh, aber es ruft auch keine gegenteiligen Empfindungen hervor. 
Das Problem, wenn man aus der Zeit gefallen ist, ist, dass man für jede Tätigkeit einen Rahmen braucht, der von anderen Menschen als normal empfunden wird. Wenn man nicht komisch angesehen werden möchte, kann man sich nicht um 9 Uhr morgens hinsetzen und bis um 18 Uhr frühstücken. Es gibt einen Frühstücksrahmen, der die Zeit von 6 bis 10 Uhr umspannt. Ich halte mich daran und alles ist gut. Ich programmiere meine Uhr mit unterschiedlichen Start- und Stoppzeiten. Aufstehen, Schlafengehen, Frühstücken, Duschen, Anziehen, Spazierengehen.
In Situationen, in denen der Weckton unangebracht zu sein scheint (meine Güte, schalte das verdammte Gepiepse aus), zähle ich. Natürlich lautlos. Oder ich singe, ebenfalls nur in Gedanken. Vorzugsweise alte 70er- oder 80er-Jahre-Songs. Die Radioversion von Total Eclipse of the Heart dauert 4 Minuten und 30 Sekunden, das ist ausreichend für ein Telefonat mit Tante Ella. Um meine Schwester abzuwimmeln (jetzt reiß dich doch endlich zusammen), muss ich die Albumversion verwenden, unter sieben Minuten gibt sie sich nicht zufrieden.
Alles läuft gut. Ich bewege mich unter den Menschen. Ich gebe vor, dazuzugehören. Ich warte darauf, dass du mich findest. 
Vor dem Supermarkt steht eine Bank, manchmal setze ich mich und sehe zu, wie die automatische Tür auf- und zugleitet. Ich habe den Spaziergang auf zwei Stunden ausgedehnt, muss also erst um 10 Uhr 30 zurück. 
Neben dem Supermarkt steht ein altes Haus, das aussieht, als wäre es auch aus der Zeit gefallen. Nein, eher so, als würde es bald zusammenfallen, aber ich mag es; ich mag die Fensterscheiben, in denen sich nicht die Menschen spiegeln wie in den Scheiben des Supermarktes. Ich mag die abblätternde Farbe an den Rahmen und den vergilbten Putz, er sieht lebendig aus. 
Die Leute hetzen an mir vorbei und sehen mich an; häufiger als sonst. Ich überprüfe meine Kleidung und stelle fest, dass ich klatschnass bin. Es regnet. Es schüttet. Wenn man nicht aus der Zeit gefallen ist, sitzt man wohl nicht im Regen auf einer Bank und sieht den automatischen Türen beim Öffnen und Schließen zu. 
Ich stehe auf und unschlüssig im Regen rum, gehe vor der Bank auf und ab und zwinge mich dazu, mich nicht wieder hinzusetzen. Mein Wecker hat noch nicht gepiept.


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