Mittwoch, 29. Oktober 2014

Klänge von Schnee II


P SITZT IN seinem Sessel, so wie er an den meisten Abenden in seinem Sessel sitzt, umgeben von zimmerhohen Regalen voller Bücher. In der einen Hand eine Tasse Tee, in der anderen ein aufgeschlagenes Buch. Es ist düster, zu düster zum Lesen, aber P braucht kein Licht, er kennt die Worte, kennt jedes einzelne von ihnen besser als sich selbst. 
Ich kann nicht, sagt sie, ich kann dich nicht lieben. Ihre Augen sind trocken, der Schmerz sitzt zu tief, zu fest, um an die Oberfläche zu gelangen. Und dann geht sie. Die Tür fällt fast lautlos ins Schloss. 
Ebenso lautlos springt Dienstag auf Ps Schoss und macht es sich auf dem Buch bequem. Dienstag stört sich nicht an Ps Geruch nach Staub und klammem Papier, und P selbst nimmt ihn nicht mehr wahr. Er krault Dienstag hinter den Ohren, nimmt einen Schluck Tee und schließt die Augen.
Ihr Parfum hängt immer noch im Raum, als der Mann den Koffer schließt und sich ein letztes Mal in dem kleinen Motelzimmer umsieht. 
In weniger als zehn Minuten wird ihr Auto auf den Bahnschienen liegenbleiben, sagt P, und dann ist die Geschichte endgültig zu Ende. Doch eigentlich war sie das schon, als sie gegangen ist. Ich mag das zweite Ende nicht. Dienstag schnurrt zustimmend und P zieht das Buch unter ihr hervor und klappt es zu. Zeit für's Bett, sagt er. Vielleicht sagt er es auch nicht, manchmal ist sich P nicht sicher, ob es Worte sind, die er hört oder Gedanken oder das Flüstern der Bücher. 
Bücher sind merkwürdige Lebewesen. Schweigende, lärmende, lippenlos Worte formende Körper; eitle Gesellschafter, die sich nach Beachtung sehnen. Wenn P am Abend eines auswählt, schwillt dessen Brust und man kann seine Freude spüren, aber auch Verachtung, weil P seine Zeit an den vorherigen Abenden mit uninspirierten, trivialen Geschichten verplempert hat. 
P kann nicht schlafen. Schon seit etlichen Jahren verbringt er die Nächte in einem Zustand zwischen Halbwachsein und erschöpftem Stürzen und Aufschrecken. In den kurzen Schlafphasen träumt er nicht, denkt nicht, liest nicht. Vielleicht ist das der Grund für sein Nichtschlafenkönnen. Schlafenkönnen bedeutet Nichtlesenkönnen und Nichtlesenkönnen bedeutet, tot zu sein. Vielleicht ist seine Schlaflosigkeit auch schlicht altersbedingt, denn P ist alt, sehr alt. Um sicher sagen zu können, wie alt er tatsächlich ist, müsste er in seinem Personalausweis nachsehen, aber den hat er verlegt, als im Fernsehen noch Ansagerinnen das Programm bekanntgaben.
Nicht, dass P fernsehen würde; er mag die flimmernden Bilder nicht, die Farben, die Stimmen, die unsinnigen Sendungen. P liebt Bücher, liebt, wie sie sich in seine Handfläche schmiegen, wie sie ihm zuhören, antworten; er lebt mit und in ihnen. 
Die Nacht geht vorbei wie alle Nächte. P liest, P liest Dienstag vor, P nickt ein und schreckt auf und liest bis zum Morgen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen