Freitag, 31. Oktober 2014

Klänge von Schnee III

ÜBER DER TÜR hängt eines dieser altmodischen Geläute. Es klimpert verstimmt und pendelt nur langsam aus, als das Mädchen den Laden betritt. Sie bleibt dicht hinter der Tür stehen, bis das Klingeln verstummt. Sie sieht sich in dem Raum um wie jemand, der gerade aufgewacht ist und sich fragt, welcher Tag wohl sein mag, welches Jahr, welches Leben, und wie er da wohl hingeraten ist.
Sie sieht nicht aus wie die Mädchen, die sich manchmal in den Laden verirren, auf der Suche nach Dingen, die sie hier nicht finden werden, sie sieht aus, als gehörte sie nicht hierher und als gehörte sie nirgendwo anders hin.
P wartet. Gleich wird sie wieder gehen, das tun sie alle, wenn sie feststellen, dass es hier nichts zu bestaunen gibt außer einem alten Mann inmitten alter Bücher. Aber das Mädchen geht nicht. Sie steht dicht hinter der Tür und tropft den Fußboden voll.
P legt das Buch zur Seite, in dem er gelesen hat, und räuspert sich. Sie sieht ihn an und sieht auf ihre Füße. Sie legt die Stirn in Falten und kräuselt die Nase, als wolle sie einen Gedanken herauspressen, und sieht dabei verloren aus. Trüge sie rote Schuhe, sie würde jetzt die Hacken zusammenschlagen und sich fortwünschen.
P ist unsicher. Er streicht über den Buchrücken, fährt mit den Fingerspitzen den geprägten Titel nach, dann setzt er sich wieder auf den Stuhl hinter dem Tresen und liest. Doch er kann nicht mehr in die Geschichte finden. Sie passt einfach nicht; passt nicht zu der Situation, passt nicht zu dem Regenmädchen, dessen Zähne hinter den blassen Lippen klappern. Er steht auf und geht an den Regalen entlang, berührt das eine oder andere der Bücher, die sich ihm erwartungsvoll entgegenrecken.
Sonne, denkt er, Wärme, denkt er. Er zieht ein besonders zerfleddertes Exemplar aus dem Regal und lächelt. Wie viele Winternächte hat ihn dieses Buch schon gewärmt? Wie viele Male hat er das Gesicht in die afrikanische Sonne gehalten, wie oft den Trommeln gelauscht?
Er blättert durch die lockeren Seiten und liest. Zuerst nur leise, aber als das Mädchen sich nicht zu ihm umsieht, lauter, mit festerer Stimme, und schon bald ist er fort. Schon bald ist der Laden nur noch eine neblige Erscheinung am Rande des wirklichen Lebens.
P liest von Mangrovenbäumen, riecht brackiges Flusswasser, lässt die Hände durch das wuchernde Seegras streifen, zupft sich einen Blutegel vom Unterarm und wirft ihn achtlos ins Wasser. P lacht und weint und schmiegt sich an den weichen, vertrauten Körper neben ihm.
Erst als ein Piepen in sein Bewusstsein drängt, blickt er auf und sieht, wie die Tür zufällt. Das Mädchen ist gegangen, nur ein nasser Fleck auf dem Boden zeugt davon, dass sie tatsächlich existierte. 

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