Freitag, 7. November 2014

Buntes Gemüse und Literatur-Schubladen


Susanne hat vorgestern über ihren Brokkoli – ihr kreatives Unterbewusstsein – geschrieben und was es gerade so treibt. Heute stellte ich mir die Frage, ob ich auch einen Brokkoli habe und wenn ja, wie viele davon. Ich habe also ein wenig nachgedacht. Und nachgedacht. Und nachgedacht … Verdammt, ich habe keinen Brokkoli. Nicht einmal einen Blumenkohl oder tiefgefrorenes Mischgemüse.

Ich habe natürlich ein kreatives Unterbewusstsein, und das kann ziemlich besitzergreifend, nervig und laut sein, aber es besteht nicht aus Gemüse, sondern aus potentiellen Protagonisten. Man könnte also sagen, mein Unterbewusstsein ist eine multiple Persönlichkeit. Die Figuren, die es bewohnen, haben kein Gesicht, keinen Körper, den ich beschreiben könnte, ich weiß oft nicht einmal, welches Geschlecht sie haben – sie sind geballte Emotionen.

Das heißt, ich weiß, was sie fühlen, welche Ängste und Wünsche sie antreiben, ich weiß, dass sie unbedingt ihre Geschichte erzählen müssen, auch wenn ich nicht im Detail weiß, wie die aussehen wird. Und da wären wir bei Literatur-Schubladen.

Es gibt AutorInnen, die ihre Geschichten von vorne bis hinten durchplotten, die schon vor dem ersten Wort wissen, wo sie am Ende landen werden, die sich passende Figuren „zusammenbauen“ und alles planen. Es gibt AutorInnen, die zwar vorab einen groben Rahmen abstecken, aber ihren Figuren und deren Geschichte viel Platz darin lassen, sich auch spontan zu entwickeln. Und es gibt AutorInnen, die nicht planen, nichts festlegen, nichts vorgeben. Zur letzten Kategorie gehöre ich.

Es ist etwas wirklich Großartiges, seiner eigenen Geschichte so beim Entstehen zuzusehen, aber diese Herangehensweise birgt auch Risiken und hat Nebenwirkungen, zu denen man weder Arzt noch Apotheker befragen kann.

Die Risiken sind kalkulierbar: Es kann passieren, dass man an einem Punkt landet, wo einem der Faden komplett entgleitet. Das ist manchmal nervig, aber mit einiger Schreibroutine kein wirkliches Problem mehr, man geht einfach zwei Schritte zurück und betrachtet die bereits bestehenden Kapitel mit etwas Abstand, dann findet man den Ansatzpunkt meist recht schnell wieder. Oder man beschäftigt sich einfach mit etwas ganz anderem, das macht die Figuren nervös und sie kommen wieder zum Kern der Sache zurück.

Die Nebenwirkungen können aber ein bisschen weitreichender sein: So kann aus einer vermeintliches Liebesgeschichte schon einmal ein Krimi werden, aus dem Krimi ein Fantasyroman, oder man steht plötzlich – wie bei meinem aktuellen Projekt – da und hat den Anfang eines leicht phantastischen humorvollen Liebesroman-Krimi-Drama-Gegenwartsromans vor sich liegen.

Ich selbst lese unheimlich gerne Bücher, die sich nicht in Schubladen einordnen lassen, die irgendwie anders sind und mich überraschen. Als Autorin steht frau aber vor dem Problem: Wie finde ich für ein Buch, das so schwer einzuordnen ist, die passenden LeserInnen? Oder besser formuliert: Wie finden potentielle LeserInnen mein Buch?

Das sind Fragen, auf die ich leider keine Antwort habe. Aber vielleicht ist es wie mit den Figuren: Sie finden immer einen Weg aus meinem multiplen Unterbewusstsein in die Tasten und am Ende finden sie immer ihre Geschichte, ganz genau so wie sie sein sollte.

Und wenn es nicht so ist, wenn die LeserInnen das Buch schließlich nicht finden, weil sie natürlich gar nicht danach suchen, so ist das eben so und man kann es nicht ändern, aber Geschichten wollen erzählt werden, ob es mir, als Autorin, nun passt oder nicht. 

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