Sonntag, 2. November 2014

Klänge von Schnee IV


NACH DEM ABENDESSEN sitze ich auf dem Sofa, bis der Wecker mir sagt, dass es Zeit ist, ins Bett zu gehen. Ich lösche das Licht und atme auf. Endlich kann ich zeitlos sein.
Wusstest du, dass die Dunkelheit unendlich viele Schattierungen hat? Ich merke mir jede einzelne, lege sie in einem Ordner in meinem Kopf ab und sortiere sie nach Farbnuancen und Relevanz. Ich mag die tiefviolette, durchzogen von schwarzroten Sprenkeln, die erdige ockerfarbene, die meerblaue Dunkelheit, die mich trägt, fast schwerelos werden lässt; körperlos.
Wenn ich einschlafe, träume ich von dir. Ich träume deinen Atem, deine Haut, deine Fingerspitzen; träume Farben, die ich nie gesehen habe und weiß, dass es deine Farben sind. Sie sind weich, sind bauschig, glatt und kühl. Sie rauschen, wehen, summen, schnurren. Manchmal bin ich so voll von ihnen, dass ich sie mit in den Tag nehme und selbst zu deinen Farben werde.
Die meisten Tage sind ein ungeschicktes Braun. Laubbraun, Erdbraun, Flusskieselbraun, das Braun von regennassem Holz. Das könnte schön sein, doch fühlt es sich immer ein bisschen falsch an - zu viel Gelb, zu wenig Rot, zu blaustichig. Das liegt an mir, ich weiß. Die Farben sind wie sie immer schon waren und wenn man sich in der Zeit befindet, sind sie völlig in Ordnung, ich sehe sie jetzt nur in einer anderen Geschwindigkeit, aus einer anderen Perspektive.
Ella kommt zu Besuch. Ella ist die Schwester meiner Mutter. Sie bringt Zeitschriften mit, sitzt in der Küche und trinkt Kaffee. Kaffeebraun.
Mein Tag ist pantherschwarz. Er räkelt sich auf dem Fliesenboden und leckt seine Pfoten. Sein Fell schimmert blaumetallen - es ist eine deiner Farben. Eine deiner Farben, die ich aus der Nacht in den Tag gerettet habe.
Seine Augen sind bernsteinfarbene Universen; mit jedem Lidschlag finde ich neue Sterne darin, entstehen Planeten, verglühen Sonnen.
Die Kaffeemaschine gluckert, Ella stellt mir eine Tasse hin, schenkt ein, setzt sich wieder. Sie sieht deine Farben nicht, sieht nicht den Panther, der sich vor dem Küchenschrank ausgestreckt hat. Er döst mit halbgeschlossenen Augen, seine Ohren zucken.
Meine Uhr gibt das Zeichen für den Spaziergang und wir machen uns auf den Weg, der Panther mit dem Fell, das in einer deiner Farben schimmert, und ich. Er folgt mir, manchmal läuft er ein paar Schritte voraus, aber nie so weit, dass ich ihn aus den Augen verliere. Es ist, als gingen wir beide spazieren, zusammen, und der Asphalt kommt mir weicher vor, die Fassaden lebendiger, die Luft riecht grün.
Bevor ich mich auf die Bank gegenüber des Supermarktes setze, überprüfe ich die Umgebung. Es regnet nicht, die Menschen sehen an mir vorbei. Die automatischen Türen öffnen und schließen sich zwölfmal, bis ich bis 72 gezählt habe. Das ist guter Durchschnitt.
Deine Farben verblassen, das Schwarz stumpft ab, die Bernsteinaugen blicken traurig, aber das ist in Ordnung, ich weiß, dass ich deine Farben wiederfinden kann.
Schade. Schade, dass es heute nicht regnet, schade, dass mich niemand komisch ansieht, schade, dass ich keinen Grund habe, in das alte Haus zu gehen. Es ist so lebendig, es riecht erdig in seinem Inneren, wolkig und ein bisschen nach Tante Ellas Betonkeksen, die sie uns zu Weihnachten bringt, es riecht nach Holz und welken Lilien, es wird von Braun dominiert, aber das Braun des Hauses fühlt sich richtig an. So und nicht anders muss sich Braun anfühlen, so muss Braun riechen.

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