Donnerstag, 13. November 2014

Klänge von Schnee IX

P PRESST DAS Buch an seine Brust und lehnt sich zurück. Er trinkt seinen Tee aus, krault Dienstag hinter den Ohren und eine bleierne Zufriedenheit bemächtigt sich seiner Glieder, wie er sie viel zu lange schon nicht mehr erlebt hat. Mit geschlossenen Augen döst er eine Weile und nimmt nichts weiter wahr als den Teegeruch und ihre Anwesenheit, die flüchtig und träge durch den Laden wabert, auch wenn sie längst schon gegangen ist.
Erst das Türgeläut reißt ihn aus diesem traumähnlichen Zustand zurück in die Welt des Antiquariats. Einen Sekundenbruchteil lang fährt ihm Hoffnung in die schwerfälligen Knie und er springt aus dem kleinen Lesesessel. Dumm von mir, sagt er dann, wirklich dumm. Nicht wahr, Dienstag? Dummer alter P.
Der Kunde sieht sich zweifelnd im Laden um, nickt P beiläufig zu und nimmt eines der Bücher aus dem Regal. Er blättert flüchtig durch die Seiten, stellt es zurück, nimmt ein weiteres heraus.
P räumt die Teetasse, die sie nicht einmal angesehen hat, zur Seite und achtet penibel darauf, keinen Tropfen zu verschütten. Fast verstohlen trägt er sie an dem Henkel, um den sich ihre Finger hätten schließen sollen, berührt er den Tassenrand, den ihre Lippen hätten berühren sollen. Sie stand an ihrem Platz, gleich hinter der Eingangstür, wo sie immer steht und schweigt und ihre Schuhspitzen betrachtet. Aber sah sie nicht dieses Mal weniger verloren aus, weniger einsam, weniger so, als würde sie sich fortwünschen? P schüttelt den Kopf und verschüttet Tee auf den Boden und auf seine Hausschuhe. Energisch gießt er den Rest des Tees in die Spüle der kleinen Teeküche und spült die Tasse aus.
Dann lauscht er in den Laden, hört den Mann einige Schritte tun, stehenbleiben, blättern, vernimmt das unwillige Murren der Bücher und seufzt. Als er wieder in den Verkaufsraum tritt, bittet er den Kunden, zu gehen. Er sagt nicht, dass es ihm leid täte, erfindet keine Erklärung, weist ihm nur die Tür. Die Bücher atmen auf und auch P fühlt sich wie von einer Last befreit.
Wie könnte er noch eines von ihnen verkaufen, wie könnte er auch nur daran denken, wenn die Möglichkeit besteht, dass sie morgen, oder an einem unbestimmten anderen Tag zurückkehren könnte und er dann genau dieses eine, gerade fortgegebene unbedingt brauchen könnte?
Dienstag schnurrt und leckt die letzten Teetropfen vom Boden auf. Dienstag ist real, die Bücher sind es, die Regale, in denen sie so viele Jahre schon lagern, und auch P fühlt sich so real, dass er sich in den Unterarm kneifen muss, um sich zu versichern, dass seine Finger nicht durch das faltige Fleisch gleiten, als wäre es nur der Schemen einer fremden Erinnerung.
P fühlt sich wirklich, er fühlt sich gut, er fühlt sich lebendig. Er fühlt sich.

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