Freitag, 7. November 2014

Klänge von Schnee VI

MEIN KOPF IST voller Türen und keine von ihnen gleicht der anderen. Es gibt keine Wände, keine Türzargen, an denen sie befestigt sind, aber wenn man durch eine der Türen tritt, findet man sich in einem anderen Raum wieder. In manchen Räumen ist es kalt, in anderen bunt, in wieder anderen rauschen hundert Wasser in vielfarbigen Spiralen von der Geburt bis zum Tod und gleichzeitig zurück.
Eine der Türen ist aus Glas, dahinter liegt ein farbloser Raum, in dem das Atmen schwerfällt. In der Mitte steht eine Truhe. Eine große, schwere Holztruhe mit schweren Riegeln und einem  kupferfarbenen Schloss. Der Schlüssel liegt auf dem gewölbten Deckel. Ich weiß, dass er in das Schloss passt, ich weiß, dass er zu schwer für mich ist, ich will nicht wissen, was in der Truhe liegt. Nichts vielleicht. Vielleicht ist die Truhe voller farb- und geruchlosem Nichts.
Du würdest sie öffnen. Die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln verzogen, würdest du dir den Schlüssel schnappen und das Schloss bezwingen. Dann würdest du dich tief in den dunklen Truhenbauch beugen und mit vollen Händen in ihren Eingeweiden graben, bis du auch ihr letztes Geheimnis gelüftet hättest. Du bist neugierig und forsch, kein Schlüssel könnte dir zu schwer sein.
Aber ich bin nicht du. Ich mag die Türen, die in satten unvermischten Farben gestrichen sind. Die gelbe, hinter der der Raum mit den Regalen liegt. Dort stehen meine Ordner, die, in denen ich die Nachtfarben sortiert habe. Sie erstrecken sich schon über ein ganzes Brett und ich bin sicher, dass ich noch viele weitere füllen werde.
Hinter der blauen Tür findet man Wind. Kalt und warm, sanft streichelnd und an den Kleidern zerrend und manchmal, selten nur, aber manchmal kommt es vor, dass es dort regnet. Dann bin ich froh, dass ich keinen Schirm habe.
Durch die rote Tür gelangt man ins Kaminzimmer. Dort gehe ich hin, wenn mir kalt ist. Und mir ist oft kalt, selbst wenn die Sonne scheint. Bevor ich aus der Zeit gefallen bin, ist mir nicht aufgefallen, dass eine Kälte über der Welt liegt, die nichts mit der Temperatur zu tun hat. Sie rollt über die Straßen, sitzt auf Parkbänken, fließt aus den Augen der Menschen, die an mir vorbei- und durch mich hindurchsehen.
Das Feuer im Kaminzimmer brennt in dem gleichen satten Rot, in dem auch die Tür gestrichen ist. Wenn ich mein Hände hineinhalte, verbrennen sie nicht, aber ich kann spüren, wie die Flammen an meinen Handflächen lecken und unter den Nägeln.
Es sind meine Räume, allesamt, meine Türen, mein Kopf. Auch die Glastür ist meine und die Truhe, die in dem Raum dahinter steht. Aber ich kann mich nicht erinnern, sie dort hingetragen zu haben.
Heute Nacht war die Dunkelheit fast vollkommen schwarz, gespickt mit zuckenden Lichtreflexen, deren pulsierendes Violett sich im Schwarz verlor, als würde es absorbiert. Aufgesogen. Oder als flösse es aus sich heraus würde selbst zu Schwarz.
Ich habe von dir geträumt, wie fast jede Nacht, aber dieses Mal war es anders. Du warst anders. Deine Farben waren anders. Dein Blau war himmelblau, dein Gelb margeritengelb, dein Weiß wolkenschaumigweiß. Deine Farben. Aber auch meine Farben.
Ich träumte deine Stimme und sie klang wie die Dunkelheit, die auf meinen geschlossenen Lidern lag. Weich und warm, durchzogen von violetten Reflexen. Fast glaubte ich Wörter zu hören, zu verstehen, was du erzählst, aber es war nur das gleiche vertraute Rauschen, das immer durch meine Ohren in mich dringt, wenn du redest, bis hinab zu den Füßen fließt, mich an den Zehen kitzelt.
Dann bin ich so voll von dir, dass meine Haut spannt und ich glaube, sie müsste von meinem Körper platzen, wie ein altes Kostüm aus Kindertagen, dem ich längst entwachsen bin.
Vielleicht mag ich das alte Haus deshalb so. Weil ich mich dir darin nahe fühle. Es ist wie einer der Räume in meinem Kopf, nur dass ich diesen nicht selbst geschaffen habe. Aber ich fühle mich genauso heimisch dort. Als wäre ich schon tausendmal durch die Flure gegangen, hätte Tür um Tür geöffnet und schon vor dem Eintreten gewusst, was ich dahinter finden werde.
Natürlich weiß ich das nicht. Ich bin nicht durch die Flure gegangen, habe keine einzige Tür geöffnet. Vielleicht sollte ich das tun. Vielleicht finde ich dich dort drinnen? In einem Zimmer mit dunkelgrünen Wänden, einem kleinen Tisch, der mit Büchern beladen ist, so dass man seine Tasse auf einem von ihnen abstellen muss, wenn man umblättern möchte. Vielleicht finde ich dich in einem lichtdurchfluteten leeren Raum, dem man ansehen kann, dass dort einmal gelacht und geliebt wurde. Oder gestorben. Aber nicht allein. Niemand stirbt allein umgeben von sommerlichem Orange und Gelb und dem Gefühl von Gänseblümchen unter den nackten Füßen. Vielleicht finde ich dich. Oder ich finde mich selbst in diesem Haus, das mir vorkommt wie ein Teil von mir.
Vielleicht.
Heute war mir wie Wind und Wellen. Ich hatte das Gefühl, als könnte ich wieder frei atmen, als füllten sich meine Lungen seit langer Zeit wieder mit Sauerstoff.
Ich sträube mich dagegen, den Piepton zu registrieren. Ich will nicht gehen, will weiterhin an der Reeling stehen und spüren, wie der Wind in meine Haare fährt, sich über mein Gesicht legt und meine geschlossenen Augen. Ich könnte immer und immer hier stehenbleiben, kaltes Metall zwischen meinen Fingern, und deiner Stimme lauschen, auch wenn der Wind die Worte von deinen Lippen reißt und sie in die Wellen taumeln und versinken.
Ich nehme sie mit mir, als ich mich widerwillig löse. Ich muss gehen. Ich winke den fremden Menschen zu, die mich ansehen, als wäre ich nicht ich. Als wäre ich nicht aus der Zeit gefallen, als wäre ihnen mein Anblick so vertraut wie der der Taxis in die sie gleich steigen werden, um nach Hause zu fahren, wie der Anblick der Handschuhe, die sie schnell überstreifen, bevor sie sich umdrehen.
Ich komme zu spät (verstehst du denn nicht, dass wir uns sorgen, herrje?) und zähle stumm die Fliesen im Flur, bis sie sich mit einem Seufzen umdreht und Ella ihr eine Tasse Kaffee reicht. Ich habe den Mittagessenrahmen nicht eingehalten. Ich werde einfach früher losgehen. Morgen. 

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