Sonntag, 9. November 2014

Klänge von Schnee VII

ES IST DONNERSTAG. P sitzt an seinem Schreibtisch, das Licht der kleinen Lampe erhellt nur einen ovalen Ausschnitt der fast schwarzen Holzplatte. Im Dunkel um ihn herum wispern die Bücher, rufen die Geschichten, wollen Schicksale erfüllt, Tragödien gelebt werden, doch P hört nicht hin, er krault Dienstag im Nacken und öffnet die oberste Schublade. Es ist Donnerstag. Er nimmt einen der leicht vergilbten Briefbögen heraus und schraubt die Kappe des Füllfederhalters ab, legt sie in die Schale, beginnt zu schreiben.
Es ist Donnerstag. Jeden Donnerstag seit schier unzähligen Jahren schon schreibt P. P schreibt Briefe, die er niemals abschicken wird. Ps Schrift ist ein wenig unsteter geworden, die Schleifen ein wenig wacklig, das Große M neigt sich zur Seite. Ps Hände sind kalt, seine Finger steif, aber sein Herz schlägt und schlägt. Ach, würde es doch endlich … P schüttelt den Kopf. Er hat schon so viele Leben gelebt, ist schon so viele Tode gestorben - wurde erwürgt, erstochen, vergiftet, aber niemals hat er seinem Leben durch die eigene Hand ein Ende gesetzt. P lebt und liest und donnerstags schreibt er. Es ist Donnerstag, P schreibt Briefe. Briefe an Marion.

Das Mädchen war wieder da. Und es sah fast noch verlorener aus als beim ersten Besuch. Ich frage mich, was sie sucht, wie verzweifelt sie danach suchen muss, wenn sie es hier sucht. Bei mir. Du wirst lachen und mich einen alten Narren schelten, aber sie erinnert mich an dich. Fast glaubte ich, deine Augen in den ihren zu erkennen. Ihre Augen sind blau, nicht braun, und doch scheint es dieselbe Farbe zu sein. Vielleicht ist es auch ihr Blick, der immer nach innen gerichtet ist, als lausche sie einer Stimme, die nur sie selbst hören kann.
Genauso sahst du aus, wenn du Bellini hörtest. Erinnerst du dich daran, dass du einmal sagtest, du würdest ohne zu zögern in einen Strudel aus feurigem Wasser springen, wenn die Callas es singen würde? Heute weiß ich, dass das die Wahrheit ist. Du würdest springen, ohne zu zaudern, ohne einen Gedanken an das Warum, das Danach - ohne einen Gedanken an mich zu verschwenden.

Dienstag maunzt und stupst mit der Nase gegen Ps Arm. Du hast recht. Sie würde noch weiter verblassen und dann würde sie sich vollends auflösen. Vielleicht sollte ich öfter schreiben, nicht nur donnerstags? Wer weiß, wie viele Donnerstage mir noch bleiben. Ein Raunen geht durch die Regale und einige von den ältesten Büchern, deren Papier schon ganz brüchig ist, geben unmutige Laute von sich. Wer würde sie lesen, wenn P nicht mehr wäre? Wer würde sie lieben?
P faltet den Brief zusammen und steckt ihn in ein Couvert, das er in der unteren Schublade verstaut. Sie ist fast bis zum Rand gefüllt. Voll von Ps Gedanken, seinen Wünschen, seinen Erinnerungen. Voll von Marion.
P nimmt Dienstag hoch und sieht ihr in die Augen. Was meinst du?, fragt er. Sollen wir nach draußen gehen und ein wenig frische Luft schnappen? Dann stutzt er und setzt Dienstag auf den Boden. Was für ein merkwürdiger Gedanke. Er kann nach Afrika fahren, nach Indien, kann eine Safari unternehmen, der Krönung bedeutender Herrscher beiwohnen, kann tanzen gehen, sich verlieben …
P wischt sich über die müden Augen und geht an den Regalen entlang, um ein Buch für die Nacht auszuwählen und erinnert sich, wie viel reicher die Geschichten wurden, als er sie mit dem Mädchen teilte. Vielleicht wird sie morgen wieder kommen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber wenn sie kommt, will er vorbereitet sein. Ob sie chinesisches Essen mag? Klassische Musik oder Jazz? Hört man heute noch Jazz? Hört man überhaupt noch Musik, dieser Tage? Was meinst du, Dienstag?
Dienstag putzt sich auf dem hochflorigen Teppich und würdigt P keines Blickes. Du hast recht, sagt er, ich bin ein alter Narr. P lacht sein heiseres Lachen. Lass uns schlafen gehen. Wahllos zieht ein Buch aus dem Regal, nimmt nach kurzem Zögern noch ein zweites heraus und löscht das Licht.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen