Dienstag, 11. November 2014

Klänge von Schnee VIII

ICH HABE DIE Weckzeiten geändert. Ich will mehr Zeit in dem alten Haus verbringen. Wenn ich zeitig aufstehe, schneller dusche, den frühstmöglichen Zeitpunkt fürs Frühstück wähle, bleiben mir vier Stunden, die ich dort verbringen kann. Das ist gut.
Der Panther ist wieder da. Er ist unruhig und ich bin es auch. Er weicht nicht von meiner Seite, folgt mir in die Küche. Als ich meinen Kaffee trinke (du solltest aber auch etwas essen) sieht er mich auffordernd an. Eil dich, sagen die Bernsteinaugen, eil dich, sagen die erwartungsvoll gespannten Muskeln, selbst sein Fell, über das das Licht der Küchenlampe streicht wie Wind durch Weizenfelder, mahnt mich zur Eile. Ich eile mich so gut ich kann (schling das Brot nicht so hinunter, wenn du keine Bauchschmerzen bekommen willst), verabschiede mich (nimm eine Jacke mit, es ist noch …), ja, ich weiß, ich weiß, und ja, ich bin rechtzeitig zum Mittagessen zurück, und beginne meinen Spaziergang um 7.15 Uhr.
Es ist noch dunkel, aber man kann die Sonne schon spüren. Sie lauert hinter den Häusern und wartet nur auf den richtigen Zeitpunkt, um endlich aufzugehen. Selbst die Sonne muss sich in einem vorgegebenen Rahmen bewegen, damit wir uns in einem wiederkehrenden Rahmen bewegen können. Das scheint mir ziemlich paradox zu sein.
Jetzt schimmern die ersten Strahlen zwischen den Häusern hindurch und deine Farben werden zu unseren Farben. Das metallische Schwarz blitzt auf als wäre es lebendig, wenn etwas Sonnenlicht auf den Rücken des Panters trifft.
Das alte Haus sieht noch älter aus, die Front liegt im Schatten und die Fenster blicken verschlafen auf die Straße. Bin ich zu früh? Ich mag nicht auf der Bank sitzen, ich mag nicht zählen, mag nicht auf nichts warten und das muss ich auch nicht. Der alte Mann öffnet die Eingangstür und eine Katze huscht zwischen seinen Beinen hindurch und verschwindet im Gebüsch.
Er hat mich erwartet. Das hat er sicher nicht, aber es fühlt sich an, als hieße er mich willkommen. Der Panther ist verblasst, nur noch ein fahler, grauer Schatten bewegt sich neben mir, und dann ist er ganz verschwunden.
Er hält mir die Tür auf und ich betrete den Laden. Ich bleibe gleich hinter der Tür stehen und er drängt mich nicht irgendwohin, wo ich nicht hin will, er sieht mich nicht kopfschüttelnd an, er lächelt nicht einmal, er benimmt sich, als wäre alles so wie es sein soll. Und das ist es auch.
Er setzt eine Lesebrille auf, räuspert sich, öffnet ein altes, zerlesenes Buch, als wäre es eine Schatztruhe. Und auch das ist wahr. Ich weiß, dass es seine Stimme ist, die mir Sonnenbräune auf die Wangen liest, die mir taufeuchtes Gras unter die nackten Füße modelliert, die mir ein Gefühl unter die Haut malt, aber es ist, als könnte ich dich durch seine Stimme besser hören. Als könnte ich deine Worte, die die ganze Zeit nicht mehr als Wind waren, der die feinen Härchen auf meinen Unterarmen streift, besser verstehen.
Die Worte verschwimmen und bald bleiben nur du und ich inmitten einer Landschaft, die mir so vertraut ist, als lebte ich schon zwei Leben lang in ihr, als wäre ich aus ihr geboren und wenn ich sterben müsste, dann wollte ich es genau hier tun, in einem Augenblick, der diesem gleicht.
Vielleicht wirst du lachen, wenn ich dir erzähle, dass ich in diesen zeitlosen Augenblicken mehr in der Zeit bin als jemals vorher - selbst als ich nicht aus ihr herausgefallen war.
Der alte Mann schweigt, reckt sich, reibt sich den Nacken. Er schenkt Tee in zwei Tassen, stellt eine davon auf die Ladentheke, die andere, an der der Henkel fehlt, nimmt er mit zu dem kleinen Tisch, auf dem das Buch aufgeschlagen wartet. Selbst der Teegeruch kommt mir bekannt vor. Er passt zu der Landschaft, zu dem alten Mann, passt zu mir.
Ich schmecke Rosenblüten und Granatäpfel und später eine angenehme, würzige Schärfe auf der Zunge, auch wenn ich mich nicht vom Fleck rühre, die Tasse nicht einmal ansehe. Ich schmecke Sommer und warmes Gelb und Orange und ein bisschen Pantherschwarz; ich schmecke dich.
Ich frage mich, wie Grün schmeckt, wie Dunkelheit, wie Furcht oder Geborgenheit, ich teile die Farben in neue Kategorien ein. Ich werde einen neuen Ordner anlegen - später.
Das Piepen meiner Armbanduhr drängt sich zwischen die Eindrücke und mich, zwischen dich und mich und ich möchte es ignorieren, abschalten, mir das Lederband vom Arm reißen und bis zum Grund des Viktoriasees tauchen und es dort unter einem uralten Stein begraben. Aber das kann ich nicht tun. Ich muss gehen, darf den Rahmen nicht durchbrechen, muss mich innerhalb des Limits bewegen, sonst … Ja, was eigentlich?
Sonst würden sie mich nicht mehr nur kopfschüttelnd ansehen, sonst würden sie mich in einen Kasten packen, der mit Wörtern beschriftet ist, die ich nicht denken mag. Den Kasten würden sie in ein Regal stellen, in dem ich nicht sein möchte. Das Regal stünde in einem Zimmer, das niemand gerne betritt, vor dem sich die Menschen fürchten, das sie nur von Ferne mit gekräuselten Mundwinkeln ansehen, von dem sie nur flüsternd sprechen - wenn überhaupt.
Und dann würden sie mich vergessen, weil ich sie an ihre eigene Bedeutungslosigkeit erinnere. Was bedeutet ein Leben, das keinen Rahmen hat, in dem es stattfindet? Was bedeutet ein Mensch, den man nicht katalogisieren kann? Was bedeute ich in all dem Ticken und Tacken der Uhren, in dem ich mich bewege wie eines dieser Kinderspielzeuge? Ich schlage meine Trommel, tamtamtam, und wenn mich die Kraft verlässt, dreht jemand den Schlüssel in meinem Rücken und ich schlage weiter, bis meine Gelenke brennen und mein Kopf nur noch vom Tamtam der Metallstöcke erfüllt ist und ich dich nicht mehr hören kann.
Ich nehme etwas von dem Gefühl mit, das nur in diesem alten Haus existiert, in dem der alte Mann mit seiner Stimme deine Stimme sichtbar macht. Ich gehe nach Hause.
Nach Hause.
Ich werfe einen Blick zurück, trete kurz auf der Stelle und gehe schneller, um den Rahmen nicht zu überschreiten.

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