Samstag, 15. November 2014

Klänge von Schnee X

ICH HABE DEN neuen Ordner in das Regal in meinem Kopf gestellt, gleich unter die Ordner mit deinen Farben. Aber dann kam mir das nicht richtig vor und ich habe ein neues Regal errichtet. Jetzt stehen also zwei Regale in dem Raum mit der gelben Tür. Eines für die Ordner, in denen ich deine Farben aufbewahre, und eines für die Gerüche, die ich in dem alten Haus gefunden habe.
Ich hätte nie gedacht, dass Gerüche so vielfältig sein können. Allein der Geruch des Tees hatte so viele Nuancen, dass sie mehrere Seiten füllen. Rosenduft. Voll und blühend, schwer, sinnlich, fast erdrückend, von kaum zu ertragender Weiblichkeit und dunkel und hell und luftig leicht wie unbewusstes Ausatmen nach einem langen komplexen Satz voller Rückbezüge und Windungen. Rosenduft. Makellos, tausendfach potenziert, kaum noch zu erahnen und präsent wie die eigene Haut, weich und fließend und sonnenerhitzt und so klar wie frischgefallener Schnee.
Granatäpfel in allen erdenklichen Reifegraden. Klebrige Süße, in die man stürzen kann ohne zu fallen, männlich herb, geraubte Küsse, brutale Umarmung von Säure und Freiheit, wenn die Schleimhäute gegen die quälende Diskrepanz von Abscheu und erstauntem Wollen rebellieren und sich schließlich erhitzt ergeben – macht- und kraftlos dem Olfaktorischen Nervenfieber ausgeliefert, das wütet und tobt, als gelte es, die ganze Menschheit auszulöschen.
Ich bin noch ganz betäubt vom Zuordnen und Katalogisieren, vom Erkennen und Benennen. Viele Gerüche konnte ich nicht notieren, weil mir die Worte fehlten, sie zu beschreiben. Aber ich bin auch zufrieden und müde. Ich weiß, was ich zu tun habe.
Ich kann nicht hier bleiben, hier (willst du nicht etwas nach draußen gehen?), hier (aber du willst doch nicht bei diesem Wetter nach draußen gehen?), hier (nimm eine Jacke mit), hier (eine Jacke, bei dieser Wärme?), hier (ich verstehe nicht), hier (ich verstehe dich einfach nicht), hier (verstehst du denn nicht?), hier (du kannst doch nicht), hier (du solltest), hier (du musst), hier (warum?), hier (warum denn nicht?), hier kann ich nicht sein.
Ich will dort sein. Dort, wo es keine Rolle spielt, ob ich die richtigen Schuhe zum richten Anlass am falschen Tag trage, wo es keine Rolle spielt, dass die Zeiger der Uhren sich nicht drehen und drehen und dabei so laut ticken, dass es schmerzt, wo es keine Rolle spielt, dass ich keine Rolle spielen will, wo ich keine Rolle spielen muss.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen