Mittwoch, 5. November 2014

Klänge von Schnee V

P IST SPÄT aufgestanden, sein Nacken ist verspannt und auf der Wange zeichnet sich der Abdruck des Buchs ab, über dem er eingeschlafen ist. Seine Muskeln schmerzen vom Laufen, der Arm und das Knie vom Sturz auf der Straße. Er ist mit der Masse gerannt, voller Furcht und voller Stolz über den eigenen Mut, hat um den Stier geweint und mit den Männern getrunken, bis sich die Welt um ihn herum zu einem bunten Farbenspiel verwusch, die Stimmen zu einem sonoren Rauschen verkamen, hat gelacht, geliebt und gevögelt, bis das Blut in seinen Adern kochte.
Jetzt ist P wieder P, öffnet den Laden, besieht sich den Himmel, stellt fest, dass es ein sonniger Tag werden wird. Schade, denkt er, warum schade?, denkt er und löst den Blick von den schmutzigen Sohlenabdrücken auf dem Boden hinter der Tür. Dort hat sie gestanden, scheu, fast reglos, in sich gekehrt, und doch hatte er das Gefühl, dass sie seiner Stimme lauscht.
Sie wird nicht wiederkommen, sie kommen nie wieder. Überhaupt verirren sich nur noch selten Menschen in den Laden, selten nur schellt das alte Geläut und kündigt einen Kunden an, und noch seltener kauft der schließlich etwas. Aber darum ist P nicht betrübt, er trennt sich nur ungern von einem der Bücher und je länger er sie um sich hat, und er hat die meisten von ihnen sehr lange schon um sich, desto weniger mag er sie hergeben. Er braucht sie, sie gehören zu ihm und er zu ihnen. Würde man sich für ein paar Euro vom eigenen Arm, dem Auge, dem Ohr trennen?
P wischt mit dem Ärmel über die Scheibe, die in die Tür eingelassen ist, und da ist sie. Sie sitzt auf der Bank am Rand des Parkplatzes und sieht ihn, P, an. Natürlich tut sie das nicht, sie sitzt dort und hat die Hände unter die Oberschenkel geschoben und die Beine gekreuzt, als wolle sie sich selbst dort an der Bank mit der abblätternden braunen Farbe fesseln, manchmal dreht sie den Kopf in Ps Richtung, manchmal streift ihr Blick die Fassade des Hauses, aber sie sieht ihn nicht an.
Dienstag drückt sich an Ps Beinen vorbei und faucht in ihre Richtung, das Fell gesträubt, die Ohren an den Kopf gelegt, den Rücken gewölbt. Dann zieht sie sich in den Laden zurück, zurück bis zu den hinteren Regalen.
P schließt die Tür, setzt Teewasser auf, gibt eine Handvoll getrockneter Minze in die Kanne, wartet auf das Pfeifen des Kessels, gießt das Wasser über die Blätter, wartet, trinkt die erste Tasse im Stehen neben dem Schränkchen, auf dem die elektrische Kochplatte steht, wartet. Sie wird nicht kommen. Sie erinnert sich nicht einmal daran, hier gewesen zu sein. Gestern? Letzte Woche? Gestern. Gestern erst stand sie dort und hinterließ einen regennassen Fleck, der zu schmutzigen Sohlenabdrücken getrocknet ist.
Er zwingt den Blick und den Schritt an der Eingangstür vorbei und durchforstet die Regale, aber nichts will ihm richtig passen, zu weit entfernt, zu viele Mitreisende, das Ziel zu nördlich, zu südlich, hier wütet ein Krieg, dort eine Mückenplage, auf dieser Überfahrt wird jemand recht blutig erstochen, auf der anderen ist das Essen fad, der Wein zu warm, die Bläschen im Champagner prickeln nicht recht.
Das Geläut über der Eingangstür tönt, und mit einem gezielten Griff zieht er es aus dem Regal, das perfekte Buch, die perfekte Passage, der perfekte Tag, um an der Reling zu stehen und wildfremden Leuten zuzuwinken, der Heimat den Rücken zu kehren, einer unbestimmten Zukunft entgegen.
Sie bleibt wie am Vortag dicht bei der Tür stehen, schließt die Augen und atmet tief und langsam. P liest. Gleich vor dem Regal beginnt er zu lesen und spürt nach wenigen Sätzen salzige Luft über seine Arme wehen, spürt das Vibrieren der Maschinen unter seinen Sohlen. Sie rührt sich nicht, steht und atmet und sieht auf ihre Füße, wenn sie die Augen öffnet.
Der Hafen ist noch immer in Sicht, die Menschen am Kai, winkende Brotkrumen, als das Piepen den Besuch beendet und sie ohne einen Gruß den Laden verlässt. P drückt das Buch an seine Brust, atmet noch einmal die kühle Seeluft ein und winkt den zurückgelassenen Brüdern, Tanten und Nichten, den Fremden, den Lachenden, den Weinenden zu, und flüstert ein Auf Wiedersehen, das der Wind von seinen Lippen küsst. Und P lächelt.

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