Sonntag, 10. Mai 2015

Ideen sind kleine Gnome mit pinkfarbenen Zipfelmützen, Vulkanierohren und penetranten Quietschstimmen

... aber manchmal sehen sie auch aus wie besoffene Einhörner oder Ulrike Renk.


Ideen sind kleine nervige Wichtige, die einem den Schlaf rauben. Sie sind der Grund dafür, wenn man auf dem Nachhauseweg falsch abbiegt und plötzlich an der Tankstelle steht, statt auf dem heimischen Parkplatz. Sie sind Schuld an der Tatsache, dass man auch nach dem dritten Zurückspulen und Ansehen des Filmendes keinen Schimmer hat, wie die beiden sich nun gekriegt haben. Sie sind dafür verantwortlich, wenn es Nudeln statt des geplanten Kartoffelauflaufs zu Essen gibt, weil man im Keller nicht mehr wusste, was man eigentlich holen wollte. Kurz: Ideen sind fiese kleine Arschlöcher. 

Nein. Ideen sind der Grundstein, aus dem Geschichten entstehen. Trotzdem sind sie nervig, ab und an gemein und selten sogar hässlich. Und manchmal sehen sie aus wie besoffene Einhörner, oder wie die Idee zu diesem Artikel: Die sieht aus wie meine 42er Kollegin Ulrike Renk. 

Ulli wird mir dafür verzeihen. Oder auch nicht. Auf jeden Fall ist die kleine Renk-Idee schuld an diesem Text.

Eben las ich Ullis Blogartikel über Ideenfindung und fragte mich, wie ich eigentlich meine Ideen finde und fand die Idee, einen Artikel über Ideenfindung zu schreiben. Was eigentlich auch schon die Essenz des Artikels ist. 

Viele Ideen entstehen klammheimlich in meinem multiplen Unterbewusstsein, aber viele schleichen sich auch von Außen in meinen Kopf ein und besetzen ihn. Dann rollen sie ihre Thermomatten zwischen den Synapsen aus, machen ein Lagerfeuer im Großhirn, nageln Familienfotos an den Balken; sie hängen Transparente aus den Fenstern zum Hof, auf denen sie bekannt geben: Dieses Gehirn wurde besetzt. Manche tanzen im Kleinhirn Cha-Cha-Cha, andere lesen sich Klassiker im Thalamus vor, ein besonders agiles Pärchen trieb es gar wild in der Zirbeldrüse. Wo sie ihre Notdurft verrichten habe ich bis jetzt nicht herausgefunden, aber manche Dinge möchten selbst Autorinnen nicht wissen. 

Und da sind sie nun, die kleinen penetranten Hirnbesetzer und freuen sich ihres Lebens. Als Autorin kann einem das manchmal etwas zu viel werden, wenn das Oberstübchen bis in die letzte Hirnwindung belegt ist, aber das ist unser Los, unser Schicksal, unsere Bürde. Und natürlich die Quelle, aus der Geschichten entstehen. 

Wo aber kommen sie her, die kleinen Ideengnome? Von überall und nirgendwo. Ideen sind Heimatlose, Tramps, Vagabunden, die aus Gemälden gepurzelt, aus Tönen entstanden, aus Buchseiten geflüchtet sind. Sie haben einfach noch kein passendes Zuhause gefunden und das Autorinnenhirn ist nur ein Übergangsplatz, an dem sie sich niederlassen, weil sie nicht wissen, wo sie sonst hin sollen. 

Ihren festen Wohnsitz finden sie in den Geschichten, die durch sie und mit ihnen entstehen. 

Leider kann ich nicht allen ein Heim bieten, manchmal passen wir einfach nicht zusammen. Wenn man sich gemeinsam einrichten will, braucht man einfach die gleiche Wellenlänge, gemeinsame Interessen, man muss miteinander reden und einander verstehen können. Wie das im Leben eben so ist. Dann ziehen einige der Wichte weiter, besetzen einen anderen Kopf, machen es sich dort gemütlich und wenn sie ganz viel Glück haben, finden sie endlich eine Heimat. 

Aber die, die bleiben, bilden den Grundstock für einen neuen Roman, eine Geschichte, einen Blogartikel. Die, die bleiben, sind der Grund, weswegen man die ganzen anderen, oft nervigen Ideengnome, wenn auch nur übergangsweise, beherbergt. Die, die bleiben, werden zu einem Teil von einem selbst, genau wie die Geschichten, die durch sie entstehen. 

Ideen sind potentielle Familienmitglieder, Geliebte, beste Freunde, und ich hoffe, sie hören nie auf Cha-Cha-Cha zu tanzen und bis spät in die Nacht am Lagerfeuer zu singen, auch wenn die Großhirnrinde dabei schon die eine oder andere leichte Verbrennung hinnehmen musste.

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